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Heute gebe ich ihm mal nichts
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Heute gebe ich ihm mal nichts

Michael Becker
Ein Beitrag von Michael Becker, Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel

Heute gebe ich ihm mal nichts, beschließe ich. Ich sehe den Bettler schon von weitem.

Er sitzt vor dem Supermarkt, wie immer. Bisher habe ich ihm oft etwas gegeben. Heute will ich nicht. Er sieht mich auch nicht, weil er mit einer Flasche Bier und seinem Nachbarn beschäftigt ist. Sie reden laut und lachen. Nach dem Einkauf muss ich wieder an ihm vorbei. Da sieht er mich. Ich weiß nicht, ob er wartet. Auf jeden Fall grüße ich ihn und sage: Guten Morgen. Auch er sagt: Guten Morgen. Er scheint mich zu kennen, trotz Bier in der Hand und Freund neben sich. Eine Decke liegt um seine Füße. Plötzlich sagt er: Wie geht’s Ihnen? Ich bin überrascht. Will er das wirklich wissen? Danke, sage ich, recht gut. Da hebt er seine Flasche, als wolle er mit mir anstoßen. Tut er aber nicht. Er sagt nur: Gut so! Weitermachen! Und: Schönen Tag! Ich gebe ihm nichts. Habe aber etwas bekommen.

Selten hat mir ein Bettler etwas gewünscht. Manche schauen nur vor sich hin und sagen nichts. Noch nicht mal, wenn sie Geld bekommen. Der hier ist anders. Er hat eine gewisse Fröhlichkeit mit dem Bier in der Hand und dem Kollegen als Nachbarn. Er kriegt nichts von mir, gibt mir aber etwas. Einen Wunsch, eine freundliche Aufforderung zum Weitermachen. Das ist nicht viel. Man hört es ein paarmal am Tag in Geschäften. Aber hier ist es anders. Hier gibt einer, der selber nichts hat. Er nimmt mich ernst.

Er will Mensch bleiben. Will etwas sein trotz Betteln, trotz nichts haben. Mensch bleiben heißt ernst nehmen. Heißt auch dann geben, wenn man nichts hat. Etwas hat man ja immer: gute Wünsche, Freundlichkeit, Achtsamkeit für andere. Geben kann man auch, wenn man kein Geld hat. Oder nicht gesund ist. Ein Wunder des Himmels. Auch die können geben, die sonst nur empfangen. Sie können danken, hören, ihre besondere Wärme ausstrahlen. Niemand ist nur Empfänger. Das ist ein Wunder in der Welt der Schnäppchen, des Rechnens und Aufrechnens. Plötzlich kriege ich etwas, wo ich nichts erwartet habe. Einen freundlichen Stups zum „Weitermachen“. Mein Heimweg nach dem Einkauf ist fröhlich. Der Bettler bleibt mir im Sinn. Vielleicht weiß er es nicht, aber er zeigt mir eine andere Welt mitten in der Welt. Wo man einander ernst nimmt, sich Gutes wünscht. Nicht nur die eigenen Taschen füllt, auch die der anderen. Und wenn es nur gute Wünschen sind, ist es doch Gottesdienst auf dem Bürgersteig.

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