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Glauben und Zweifel

Glauben und Zweifel

Patricia Nell
Ein Beitrag von

Patricia Nell,

Katholische Pastoralreferentin und Religionslehrerin, Frankfurt
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Menschen, die nicht alles gleich glauben, was man ihnen erzählt, sind unbequemer als andere. Es macht Mühe, sich mit solchen Zweiflern auseinanderzusetzen. In ihrem Fragen und Zweifeln zeigt sich aber meist auch ein leidenschaftliches Suchen nach Wahrheit. Sie als „Ungläubige“ abzustempeln, ist sicher einfach. Auch Thomas, einer der zwölf Apostel, ist als „Ungläubiger“ und „Zweifler“ in die Geschichte eingegangen. So ganz fair finde ich das aber nicht. Als die anderen Jünger ihm erzählen, dass sie Jesus nach seiner Auferstehung begegnet seien, da geht das nicht in seinen Kopf. Und das kann ich gut verstehen. Die anderen hatten Jesus ja gesehen, er aber noch nicht. Wenn es stimmen sollte, was sie ihm da erzählten, dann wollte eben auch er den Beweis dafür. Und deshalb sagt er dann auch jenen berühmten Satz zu ihnen, den die Bibel zitiert:

„Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meine Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht“. (Johannesevangelium 20,25).

Da will einer der Sache auf den Grund gehen. Ganz nüchtern. Und vernünftig. Und das gefällt mir. Dieser Thomas will sich selbst überzeugen. Das Ganze ist ihm zu wichtig. Deshalb geht er lieber auf Nummer Sicher. Das ginge mir ganz genauso. Und ich weiß: auch vielen meiner Mitmenschen. Und Jesus nimmt ihm das auch gar nicht übel. Ganz offenbar hat er für seinen kritischen Thomas Verständnis.

Als Jesus den Zwölfen wieder begegnet, wendet er sich direkt an Thomas und sagt: „So, und jetzt streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und nun sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ (Johannesevangelium 20,27)

Viel bedeutender als der leise Tadel ist für mich hier: Jesus weist diesen zweifelnden Thomas nicht zurück, sondern akzeptiert ihn genauso, wie er daherkommt. Mit seinem Zweifel. Und er gewährt ihm sofort, was Thomas so wichtig ist: „Schau Thomas – hier sind sie, meine Wunden. Und wenn du es jetzt immer noch willst, dann fass` mich an, damit du begreifst, dass ich es wirklich bin.“

Ob Thomas es dann tatsächlich tut, lässt die Bibel offen. Ich vermute eher nicht. Vielleicht hat er es dann ja gar nicht mehr nötig. Vielleicht hat Thomas seinen Meister dann doch erkannt, auch ohne ihn zu berühren. Denn er wird vermutlich genauso gewesen sein, wie immer: Vertraut und wohlwollend und menschlich. Jesus lässt auch den Zweifler an sich heran. Ohne Erhabenheit, ohne Distanz. Er bietet Thomas genau das an, was er von ihm haben will: den greifbaren Beweis.

Und tief bewegt soll Thomas gesagt haben: „Mein Herr und mein Gott!“ (Johannesevangelium 20,28).

Wer nach der Wahrheit sucht, der darf Zweifel haben. Und die auch äußern. Im Vertrauen darauf, dass er deshalb nicht zurückgewiesen, sondern gehört wird.

Und wer souverän ist, der muss sich den Kritiker nicht vom Leib halten, sondern kann ihn an sich heranlassen. Der ist bereit, sich vom Zweifler berühren zu lassen. Und ihn dadurch zu überzeugen und zu gewinnen.

 

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