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Die Erde könnte ein wunderbarer Platz sein
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Die Erde könnte ein wunderbarer Platz sein

Eugen Eckert
Ein Beitrag von

Eugen Eckert,

Evangelischer Stadionpfarrer in der Commerzbank-Arena und Referent der EKD für Kirche und Sport

Es ist noch kein halbes Jahr her, als mich ein Zeitungsartikel mit dieser Überschrift alarmierte: „Das stille Aussterben der Giraffen“.

Auch meinen Lieblingstieren soll nun das Aussterben drohen? Ich weiß, es sind zurzeit 24.000 Tierarten gefährdet. Aber auch die Giraffen? Als Kind stand ich stundenlang vor ihrem Gehege im Zoo und bewunderte diese sanften Riesen, die sich mit langen Zungen ihr Futter aus einer Art Basketballkorb angelten. Das längste Säugetier der Welt lebt vegetarisch – und friedlich. In meiner kindlichen Phantasie hatte ich mir manchmal das Spektakel vorgestellt, wie eine Giraffe eines Tages bei uns vorbeigeschlendert käme und ihren Kopf ganz bequem durch das Fenster unserer Wohnung im 1. Stock steckte. Und nun lese ich in dem Zeitungsartikel:

„In den vergangenen zehn Jahren wurden fast 4.000 Giraffenköpfe in die USA eingeführt. Naturschützer wollen deshalb ein weltweites Einfuhrverbot für Giraffentrophäen durchsetzen“.

Naturschützer sind gefordert. Vielleicht mehr denn je. Denn wir Menschen breiten uns weiter aus. Fast 50 Prozent der Erdoberfläche haben wir inzwischen in Beschlag genommen. Der Klimawandel, der Abbau von Bodenschätzen, auch die intensive Landwirtschaft gehören zu den Faktoren, die den Lebensraum von Tieren immer weiter einschränken. Das lässt kaum jemanden kalt. Angst vor den Folgen des Klimawandels ist zurzeit die größte Angst der Deutschen, weit vor Terror oder Altersarmut. „Was muss geschehen, damit die Erde überlebt?“ wurde gerade Jürgen Moltmann, der inzwischen 91jährige Theologe, gefragt: Er hat geantwortet:

„Es müsste eine Umkehr im Denken geben, weg vom Anspruch auf Weltbeherrschung des Menschen, hin zur Integration, zur Zusammenarbeit mit den Kräften der Natur und den anderen Formen des Lebens“.

Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen lädt dazu ein, diesen Sonntag heute als Schöpfungstag zu begehen. Auch in Hessen, feiern Christen ökumenische Gottesdienste. Sie feiern, dass die Erde mehr ist als das Herrschaftsgebiet der Menschen. Sie sollen Augen-Öffner für die Schönheit der ganzen Schöpfung sein. Wenn ich über die Weite des Himmels staune und die bunte Vielfalt der Erde bewundere, dann spüre ich Ehrfurcht vor allem Leben. Überwältigend, wie viel Leben es gibt! Woher kommt das alles? Nach jüdisch-christlichem Verständnis ist die Quelle allen Lebens Gott. Schon vor rund 3.000 Jahren sagt der Dichter von Psalm 24:

„Gott gehört die Erde und ihre Fülle, die Welt und die, die sie bewohnen, denn Gott hat sie über den Meeren gegründet, über den Strömen fest gefügt.“

„Die Erde gehört Gott“. Die ersten Seiten der Bibel erzählen, wie Gott die Welt geschaffen hat. Wie ein Gärtner pflanzt Gott den Garten Eden und gibt dem Menschen den Auftrag, diesen Garten zu bebauen – und zu bewahren. Ein doppelter Auftrag: einerseits erhalten, andererseits entwickeln und weiter bauen, was Gott angelegt hat. Wir Menschen erfüllen diesen Auftrag schlecht. Bereits 1982 beklagte der SPD-Politiker Erhard Eppler in einer Rede den respektlosen und totalen Herrschaftsanspruch des Menschen über die Erde. Er sagt, dass sich der Mensch, so wörtlich, zum Herrn der Evolution“ aufschwingt. Indem er, Pflanzen und Tiere ausrottet. Das führt zur genetischen Verarmung der Lebewesen.

Auf der anderen Seite macht der Mensch sich zum Herrn der Evolution durch die Gentechnik. Er kann heute durch Genmanipulation Neues schaffen, wozu vorher Millionen oder gar Milliarden von Jahren nötig waren.

Selbstverständlich, das weiß Eppler auch: Zum Bebauen und Bewahren gehörte schon immer, dass Menschen die Natur verändern – sonst hätten sie nicht überlebt. Erst hat er nur Nischen im großen Ökosystem des Planeten besetzt. Dann hat er Wälder gerodet, die Erde aufgepflügt, Felder angelegt. Er hat mit Booten und Schiffen das Meer erobert, Häuser und Städte gebaut.

Doch inzwischen sind wir an einem Punkt angelangt, dass sich der Mensch die ganze Schöpfung in Frage stellt. Erhard Eppler hat das so ausgedrückt:

"Bisher benimmt sich der Mensch wie ein blindwütiger Tyrann. (…) Der antike Sklavenhalter hat immer darauf geachtet, dass seine Sklaven bei Gesundheit blieben, sonst hätte es sie nicht mehr ausbeuten können. Was wir dagegen mit der Natur machen, liegt weit unter dem Niveau des Sklavenhalters“.

Der Mensch beutet die Erde aus. Aber es gibt auch Hoffnungsgeschichten. Der sogenannte „Erdgipfel“ in Rio 1992 gehört dazu. Die Mauer in Deutschland war gefallen. Der Ost-West-Konflikt schien zu Ende. Viele haben damals gehofft, dass die Staaten nicht mehr so viel Geld für Rüstung ausgeben. Das könnte viele Milliarden Dollar freisetzen, um gemeinsam den Hunger zu bekämpfen und die Natur zu schützen. Die Delegationen von über 170 Staaten kamen zusammen. Severn Suzuki, ein damals zwölfjähriges Mädchen aus Kanada, hielt eine Rede, von der es heißt, dass sie die Welt zum Schweigen brachte. Severn leitete ihre Rede mit den Worten ein:

"(…) In meinem Leben habe ich davon geträumt, die großen Herden wilder Tiere zu sehen, den Dschungel, und Regenwälder voller Vögel und Schmetterlinge. Aber jetzt frage ich mich, ob sie noch lange genug existieren werden, damit auch meine Kinder sie sehen können. Habt ihr euch über diese Dinge Gedanken machen müssen, als ihr in meinem Alter wart? (…) Ich bin nur ein Kind, aber ich weiß, dass wir alle Teil einer großen Familie mit (fünf) Milliarden Verwandten sind. (…) Ich bin nur ein Kind, aber ich weiß: wenn alles Geld, das für Kriege ausgegeben wird, für die Beendigung der Armut und die Suche nach Lösungen zur Rettung unserer Welt ausgegeben werden würde, was für ein wundervoller Platz diese Erde sein würde."

Was Severin Suzuki mit ihren zwölf Jahren Anfang der neunziger Jahre in Rio gesagt hat, ist nicht einfach verpufft. Manche Maßnahmen wirken, die die Vereinten Nationen damals eingeleitet haben. Besonders im Kampf gegen Armut, Hunger und Krankheiten gibt es nachweislich Erfolge. Einem Zeitungsbericht zufolge „sank die Zahl der ‚sehr Armen‘ von 1,9 Milliarden auf knapp 850 Millionen Menschen und der Anteil der Hungernden sowie die Rate der Mütter- und Kindersterblichkeit halbierte sich“.

Oft aber sind diese positiven Effekte mit Nebenwirkungen verbunden, die die Umwelt zerstören. Länder wie China oder Indien sind wirtschaftlich rasant aufgestiegen. Das heißt aber auch, dass sie heute Ressourcen verschwenden wie die alten Industrienationen früher. Kein Grund für Europäer, mit dem Finger auf sie zu zeigen. Sie verhalten sich so wie wir früher und wie wir zum Teil heute noch.

Unsere Erde aber ist verletzlich. Darum ist es umso wichtiger, sich im Kleinen wie im Großen für die Zukunft unserer einen Erde einzusetzen. Die christlichen Kirchen haben sich für diesen Weg gemeinsam entschieden. Christen aus allen Konfessionen glauben: Die Erde Gott gehört und der Mensch ist eines der Geschöpfe Gottes. Darum suchen sie nach Wegen, wie sie zur Bewahrung der Schöpfung beitragen können. Papst Franziskus schrieb vor zwei Jahren, es braucht „einen heilsamen Druck auf diejenigen, die politische, wirtschaftliche und soziale Macht besitzen“. Dazu fordert er sogar den Boykott gewisser Produkte, um Unternehmen zu bewegen, die Umweltbelastung und die Produktionsmuster zu überdenken. Wenn ich diese Mahnung heute lese, denke ich an die Vorgänge rund um Dieselautos in Deutschland. Einige haben angeblich umweltfreundliche Diesel verkauft, die aber die Gesundheit massiv gefährden. Und während ich das Schlingern in der Debatte um die Nachrüstung für diese Fahrzeuge verfolge, weiß ich längst: Da muss viel mehr passieren, damit unsere Erde überlebt. Was der christliche Glaube dazu beiträgt, das hat der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker so gesagt:

„Man kann in dieser Welt, wie sie ist, nur dann weiterleben, wenn man zutiefst glaubt, dass sie nicht so bleibt, sondern werden wird, wie sie sein soll“.

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hat sich konkrete Ziele vorgenommen, um die Natur und das Klima zu schützen. Sie will zum Beispiel bis zum Jahr 2020 rund 40 Prozent des CO2-Ausstoßes einsparen, gemessen an dem Wert von 2005. Wo kirchliche Häuser gebaut oder saniert werden, geschieht das nach ökologischen Richtlinien. Auf Kirchendächern gibt es inzwischen Photovoltaik-Anlagen. Viele Kirchengemeinden sind auf Ökostrom umgestiegen.

Natürlich kann auch ich selbst mir konkrete Ziele vornehmen, zum Beispiel indem ich darauf achte, was ich esse und trinke, wo und was ich einkaufe oder wann ich das Auto wirklich brauche. Ich muss zugeben, dass meine Frau früher als ich dieses Bewusstsein entwickelt hat für weniger Fleisch auf unserem Tisch oder biologisch angebaute Nahrung. Inzwischen hat sie mich dazu gebracht, mit offenen Augen vor den Kühlregalen im Laden zu stehen und der gar nicht so leichten Frage nachzugehen, was von dem Angebotenen wirklich umweltverträglich produziert wurde.

Die Bedrohung der Erde und ihrer Geschöpfe macht keinen Halt vor Grenzen und Nationen. Das machen sich evangelische und katholische Christen heute am ökumenischen Schöpfungstag besonders bewusst. Eigentlich aber braucht es nicht nur ökumenische, sondern auch interreligiösen Schöpfungstage. Menschen aus verschiedenen Religionen müssen zusammenwirken, um achtsam und nachhaltig die Erde zu bebauen und zu bewahren. Der evangelische Theologe Jürgen Moltmann sagt:

„Es könnte eine interreligiöse Gemeinschaft der Barmherzigen entstehen. Denn die Psalmen sprechen von der großen Barmherzigkeit Gottes, das Neue Testament sieht in Jesus die Verkörperung der großen Barmherzigkeit Gottes, und einer der wichtigsten Namen Gottes im Islam ist ‚der Allbarmherzige‘. Im Buddhismus heißt das ‚Karuna‘: die Barmherzigkeit, nicht nur mit elenden Menschen, sondern auch mit der Natur“.

Im Kleinen habe ich selbst schon vor vielen Jahren eine Insel gefunden, einen Ort, an dem mir immer wieder neu vor Augen steht, wie schön diese Erde ist; und wie schön sie sein könnte, wenn sich dieses Kleine auf das große Ganze übertragen ließe. Meine Insel, auf der ich auch in diesem Sommer als Kurpastor arbeite, liegt in der Nordsee und ist autofrei. Nur Elektrokarren sind erlaubt, Fahrräder und Bollerwagen. Die Luft ist darum kostbar und rein.

Kristallklares Wasser strömt aus dem Hahn. Es stammt aus der Süßwasserlinse unter dem Sand. Am Strand sehe ich, wie sich Himmel und Erde am Horizont küssen. In der Nacht ist es so dunkel, dass man in ein Meer aus Sternen tauchen kann. Fasane, Hasen und Rehe kommen handzahm in die Gärten. Und Schmetterlinge tanzen in den Fliederbüschen. Es gibt Augenblicke, in denen ich auf „meiner Insel“, an das erinnert werde, was ich mit dem Wort Paradies verbinde. Und nach Andachten, Gottesdiensten oder Liederabenden, in denen ich davon erzähle, erfahre ich, dass es vielen Menschen hier so geht, wie mir. Dann wünsche ich mir, wir alle könnten für eine Weile eine solche Insel finden, die uns glauben lässt, dass unsere Erde eines schönen Tages werden wird, wie sie sein sollte.

Ich jedenfalls will versuchen, auch weit weg von meiner Insel immer wieder neu mit den Augen der Barmherzigkeit die Größe und Schönheit der Schöpfung Gottes zu entdecken. Wo ich kann, will ich versuchen, mit aller Kraft die bunte Vielfalt dieser Erde zu bewahren, samt der bedrohten Giraffen. Wie gerne möchte dazu beitragen, denen, die nach uns kommen, ein Leben in Fülle zu ermöglichen. Und meinen Enkeln die Chance zu erleben, was ich mir als Kind vorgestellt habe: Dass da eine Giraffe an unserem Haus vorbeischlendert und ihren Kopf ganz bequem durch das Fenster unserer Wohnung im 1. Stock steckt.
 

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