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Barmherzigkeit - Ich öffne mein Herz
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Barmherzigkeit - Ich öffne mein Herz

Dr. Ursula Schoen
Ein Beitrag von

Dr. Ursula Schoen,

Prodekanin, Evangelisches Stadtdekanat Frankfurt

Es gibt Worte, die sind einfach aus der Mode. Die versteht man vielleicht noch unter Pfarrerinnen, aber nicht unter Normalsterblichen. Das sagte neulich eine Journalistin. Und dann zählte sie auch gleich eine Reihe von solchen Worten auf: Gnade, Auferstehung, Fürsorge, Rechtfertigung. Die Journalistin meint, auch Barmherzigkeit ist ein solcher Begriff, der aus der Mode gekommen ist.

Das geht mir nach. Ist Barmherzigkeit wirklich etwas, was nur noch Christen oder fromme Muslime verstehen und den anderen ist sie fremd geworden?

Barmherzigkeit . Der Begriff umfasst die Worte: Arm und Herz und im weiteren Sinne auch das Wort „Erbamen“. Daraus lassen sich Wortspiele ableiten: Ein Herz für die Armen, ein erbarmendes, mitleidiges Herz.

Aus der Sicht der Bibel ist Barmherzigkeit eine wichtige Lebenshaltung. Jesus sagt einmal: „Was ihr den ärmsten unter meinen Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25,40). Jesus fordert auf, Menschen in schwierigen Lebenslagen wie Krankheit, Gefangenschaft und Obdachlosigkeit zu helfen. Für die Armen da zu sein. Das klingt nach Mutter Theresa, nach einem entsagungsreichen und aufopfernden Leben. Das kann man bewundern. Aber wer will selber so leben? Ein sogenannter Gutmensch zu sein – das ist doch einfach unmodern und überholt.

Barmherzigkeit ist in der Bibel keine bloße Pflichtübung. Menschen sollen barmherzig sein, weil Gott barmherzig ist. Gott, der Barmherzige, nimmt wahr, was Menschen fehlt. Er sieht ihre Angst und ihre Ratlosigkeit. Barmherzigkeit heißt in der Bibel: Gott sieht, wie arm mein Herz ist. Und er füllt es neu mit Liebe.

Darum bedeutet Barmherzigkeit, aus dem Vollen zu schöpfen. Gott beschenkt mich, darum kann ich schenken. Ich bin versorgt, darum kann ich andere versorgen. Ich habe eine Heimat, darum kann ich anderen die Tür öffnen. Es geht nicht darum, alles herzugeben, was ich habe, sondern es für andere einzusetzen.

Ganz konkret wird das für mich bei der Gastfreundschaft: Ich bin viel gereist zu Kirchen und Gemeinden in aller Welt. Im Irak bogen sich die Tische vor guten Speisen für mich als Gast. Eigentlich war ich die Wohlhabende. Aber meine irakischen Gastgeber zeigten mir, was Barmherzigkeit sein kann: Wir freuen uns über deinen Besuch! Von dem, was wir haben, geben wir dir, damit es dir gut geht.

Barmherzigkeit ist keine herablassende Geste, mit der sich die Reichen zu den Armen herunterbeugen. Barmherzigkeit erweisen wir uns gegenseitig, wenn wir unser Herz aufschließen für den anderen. Die Erfahrung dieser Gastfreundschaft hat meinen Blick geschärft: Wo bin ich reich, wo bin ich begabt und kann meine Gaben für andere einsetzen. Ich habe Handlungsspielräume. Wenn ich mein Herz für andere öffne, erlebe ich das. Das Wort Barmherzigkeit mag aus der Mode sein. Aber ich will auf sie nicht verzichten.
 

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