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Abschied auf Entfernung
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Abschied auf Entfernung

Ein Beitrag von

Dr. Christine Lungershausen,

Evangelische Pfarrerin, Eschborn
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Das ist neu durch Corona seit einem Jahr: Viele Menschen können sich nicht persönlich verabschieden von ihren Liebsten. Sie sterben im Krankenhaus. Und wer zu ihnen gehört, kann manchmal nur mit Maske hineinkommen, unter dem Fenster stehen oder aus der Ferne an den Sterbenden denken.

Corona macht den Abschied schwer

Mit dem Pflegepersonal zusammen müssen sie einen Weg finden, Abschied zu nehmen. Abschied auf Entfernung. Vieles machen Pflegende möglich, Abschied per Video oder Besuche mit Schnelltests. Und trotzdem bleibt viel Distanz zu den Sterbenden. Es fehlen letzte Worte, direkt zueinander gesagt, Berührungen. Vielleicht die Möglichkeit, sich zu entschuldigen. Oder zu sagen, wie sehr man die Mutter geliebt hat; wie lecker der Streuselkuchen war oder wie dankbar man ist, genau diesen Menschen zur Schwester gehabt zu haben. 

Karsamstag

Heute ist Karsamstag. Da erinnern sich Menschen an den Tod Jesu. Und daran, wie Menschen damit lebten, nicht direkt Abschied nehmen zu können. Schon damals eine schmerzliche Erfahrung. Eine von den Menschen damals war Maria, eine Freundin Jesu. Sie hieß so wie die Mutter Jesu.

Maria schaut aus der Ferne zu

Ich stelle mir vor, wie Maria aus der Ferne zusehen musste, wie Jesus starb. Näher kam sie nicht heran.Genauso wie heute viele Menschen nur aus der Ferne Abschied nehmen können. Ich vermute: Maria hätte Jesus gerne noch etwas gesagt. Seine Hand gehalten. Noch einmal in seine Augen geschaut. So wie Menschen heute gerne noch etwas sagen würden, Abschied nehmen, das letzte Mal einander direkt in die Augen sehen.

Blüten und Öle

Ich stelle mir wieder Maria vor, die Freundin Jesu damals. Vor ihr steht ein Schälchen mit Blüten. Ein Stößel zum Zerreiben. Und ein paar kleine Fläschchen mit wertvollen Ölen. Damit will sie Jesu Leichnam salben, so wie es damals üblich war. Ihm nochmal nah sein. Ich stelle mir vor: Während Maria die Blüten zerreibt für das Öl, erinnert sie sich. An die erste Begegnung mit Jesus, wie er gelächelt hat.

Erinnerungen tun gut und tun weh

Solche Erinnerungen kommen mir auch manchmal zwischendurch an geliebte Menschen. Wenn ich die Spülmaschine einräume und ich einen silbernen Nachtischlöffel meiner Großmutter in der Hand halte.

Die silbernen Löffel

Wie sie die gehütet hat und mir zum Studienbeginn geschenkt hat, mit der Ermahnung, sie unbedingt in der grünen, mit Filz ausgelegten Schachtel aufzubewahren. Und sie nur mit der Hand abzuwaschen. Wenn ich so an sie denke, ist es, als wäre meine Großmutter bei mir. Das schmerzt, weil sie eben nicht mehr real hier ist. Und es ist schön, weil sie im normalen Tun bei mir ist.

Liebe verbindet

Ich wünsche denen viel Kraft, die sich jetzt mit Abstand verabschieden müssen. Die  nur aus der Ferne an ihre Lieben denken können. Ich glaube, Gott gibt diese Kraft. Wir werden auch auf Entfernung die Liebe spüren. Die Liebe, die uns in diesem Leben verbunden hat. Die Liebe, die uns weiterhin verbinden wird.

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