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Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…
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Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…

Dr. Ansgar Wucherpfennig
Ein Beitrag von

Dr. Ansgar Wucherpfennig,

Jesuitenpater, Professor für Neues Testament und Rektor der Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt

Heute am 2. Juli ist der Dichter Hermann Hesse geboren; im Jahr 1877, also ist es kein runder Geburtstag. Trotzdem: An ihn denke ich oft, wenn ich neu anfangen muss, zum Beispiel am Montagmorgen eine neue Woche. Eines seiner bekanntesten Gedichte spricht nämlich von einem Anfang: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, / Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ So heißt es in Hesses berühmten Gedicht „Stufen“.

Den Anfang einer Arbeitswoche finde ich meist nicht so bezaubernd, aber Hesses Zeilen erinnern mich daran, was ich bei vielen anderen Anfängen gefühlt habe. Zum Beispiel als ich 2002 nach vielen Jahren wieder nach Frankfurt zurückkam: ich erinnere mich noch genau, wie ich das erste Mal wieder durch den Park unserer Hochschule Sankt Georgen ging; wie ich genossen habe, wieder in einer großen Kulturstadt zu leben, und wie mir zurück in Frankfurt jetzt auf einmal auch die Grie Soß schmeckte. Da lag ein Zauber in allen Dingen. Alles war frisch und prickelte in meiner Seele. Die Erinnerung an solche Anfänge lässt mich dann auch die Woche wieder motivierter beginnen.

Hermann Hesse schreibt: Der Zauber des Anfangs beschützt uns und hilft uns zu leben. Im Anfang liegt also offenbar auch etwas Heilsames. Seine Frische muss kein schnell erloschener Bühnenzauber sein, sondern kann eine Kraft sein, die lange anhält, viel länger als bis zum Ende dieser Woche. Sie treibt mich weiter auf meinem Lebensweg von Kurve zu Kurve und über viele lange Weggeraden. Auch über die nächste müde Stelle hinaus wird mich die Kraft des Anfangs weiterführen. Selbst noch an der letzten Schwelle in meinem Leben, dem Tod, beschützt mich der Zauber des Anfangs. Hermann Hesse schreibt: „Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde / Uns neuen Räumen jung entgegen senden, / Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden, / Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!“

Hermann Hesse war der Sohn einer evangelischen Missionarsfamilie, in Schwaben hat er pietistische Luft geatmet und in frommer Theologie gelesen. Das lässt mich bei seinen Versen auch an die ersten Verse des Johannesevangeliums denken: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“

Dieser Anfang ist gar kein einfaches neues Beginnen in der Zeit. Er ist der Uranfang von Allem, an diesem Uranfang ist Gott, und Gott will nicht allein sein. Deshalb ist Gottes Wort für mich als Christ der Anfang von allem. Aus diesem Uranfang, aus Gottes Wort, kann ich wieder Kraft bekommen, auch wenn es mal nicht so bezaubernd aussieht. Vielleicht entdecke ich ja in Gottes Wort in dieser Woche etwas, das mich neu beginnen lässt oder mich aus Routinen heraustreibt. Ich wünsche es mir und lege deshalb den Anfang dieser Woche gern in Gottes Hand.

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