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Von den Kindern lernen

Von den Kindern lernen

Prof. Dr. Gerhard Stanke
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Prof. Dr. Gerhard Stanke,

Domkapitular
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„Das Auge wächst nicht mit.“ So schreibt der Theologe Heinrich Spaemann. Und fährt fort: „Das Kind wächst. Es wird ein Erwachsener. Nur eines wächst nicht mit: das Auge.“ Ich war ganz überrascht, als ich das gelesen habe. Darüber hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht. Was könnte es bedeuten, dass unser Auge von Geburt an schon ganz ausgebildet ist? Parallel dazu fand ich folgenden Text: „Wenn ich einen Haufen Löwenzahn sehe, ist es für mich eine Menge Unkraut, das meinen Garten überwuchert. Meine Kinder sehen Blumen für Mama und weiße Fallschirmchen, die man lustig in die Luft pusten kann.

Wenn ich einen alten Landstreicher sehe, der mich anlächelt, dann ist es für mich eine Person, die wahrscheinlich Geld von mir will, weshalb ich gleich in eine andere Richtung schaue. Meine Kinder sehen jemanden, der sie anlächelt und lächeln zurück. Wenn ich heftigen Wind auf meinem Gesicht spüre, schütze ich mich dagegen. Ich denke daran, dass der Wind meine Frisur durcheinanderbringt und mich beim Vorwärtskommen behindert. Meine Kinder schließen ihre Augen, breiten ihre Arme aus und lassen sich von dem Wind schieben, bis sie lachend zu Boden fallen.

Wenn ich bete sage ich „Herr“ und „Allmächtiger“ und „Gib` mir dies“ und „Schenke mir das“. Meine Kinder sagen: „Hallo Gott! Das war ein cooler Tag heute. Ich habe so viel Spaß gehabt.“ Ich frage mich, ob uns die Kinder geschenkt sind, damit wir sie lehren – oder damit wir von ihnen lernen?“ Der Autor dieses Textes ist unbekannt. Von den Kindern lernen - das ist auch die Sicht Jesu. Der Evangelist Markus schreibt, dass man Kinder zu Jesus bringt, damit er sie segnet. Aber die Jünger weisen die Leute schroff zurück. Sie sind wohl der Meinung, dass die Botschaft Jesu nichts für Kinder ist. Die stören nur. Aber Jesus ärgert sich über das Verhalten seiner Jünger und sagt zu ihnen: „Lasst die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht.“ Und dann schreibt er den Jüngern noch Folgendes ins Stammbuch: „Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ (Mk 10,13ff)

Das heißt doch: Die Jünger sollen von den Kindern lernen. Und was können sie lernen? Was ist typisch für Kinder? Dazu fällt mir ein: Kinder lassen sich gerne etwas schenken. Die Erwachsenen sagen manchmal abwehrend: „Ist doch nicht nötig“, „nicht der Rede wert“, oder noch deutlicher: „Ich werde mich aber dafür revanchieren.“ Und sie denken dabei: Ich will nichts geschenkt haben. Dann fühle ich mich ja verpflichtet. Ich will mit allen quitt sein, niemanden etwas schulden. Vielleicht wollte uns Jesus sagen: Das Reich Gottes, das heißt die Gemeinschaft mit Gott können wir uns auch nur schenken lassen. Die können wir uns nicht verdienen. Darauf haben wir keinen Rechtsanspruch. Das Reich Gottes ist seine Liebe. Diese Liebe Gottes kann man sich nur schenken lassen. Sie lässt sich nicht einklagen oder einfordern. Liebe bekommen wir nur geschenkt.

Von Kindern lernen heißt: Die Welt mit ihren Augen zu sehen und dabei zu entdecken: Das Wichtigste im Leben also: Liebe, Vertrauen und Freundschaft – auch die Liebe Gottes, wird uns immer geschenkt!

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