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Skandalös - Luthers Ehe
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Skandalös - Luthers Ehe

Dr. Fabian Vogt
Ein Beitrag von

Dr. Fabian Vogt,

Evangelischer Pfarrer in der Öffentlichkeitsarbeit, Darmstadt

Katharina: „Wer sollte nicht betrübt und bekümmert sein wegen eines solch teuren Mannes, wie es mein lieber Herr gewesen ist, der nicht nur einer Stadt oder einem Land, sondern der ganzen Welt gedient hat. Deswegen bin ich wahrhaftig so sehr betrübt, dass ich mein großes Herzeleid keinem Menschen sagen kann. Ich kann weder essen noch trinken. Auch dazu nicht schlafen. Wenn ich ein Fürstentum oder Kaisertum gehabt und es verloren hätte, so hätte es mir darum nicht so leid getan wie um meinen lieben und teuren Mann.“

Das soll Katharina von Bora gesagt haben. 1546. Kurz nachdem ihr Mann, Martin Luther, gestorben ist. Die Frau, die der Reformator so gerne „Mein Morgenstern“ nannte. Oder „Mein Herr Käthe“. Je nachdem. Weil sie eben sehr bestimmend sein konnte. Ja, es gibt sogar Leute, die sind der Überzeugung: Ohne diese resolute und energische Frau an seiner Seite wäre Martin Luther mit seiner Reformation nie so weit gekommen. Nicht nur, weil Katharina ihrem Mann den Rücken freigehalten hat, sondern auch, weil sie ihm als kluge Beraterin zur Seite stand und seine theologischen Höhenflüge tüchtig geerdet hat.

Dabei stand diese Prominenten-Hochzeit keineswegs unter einem guten Stern. Im Gegenteil: Sie war ein Skandal. Und was für einer! Eine entlaufene Nonne? Und ein ehemaliger Mönch? Die wollen heiraten? Das geht ja gar nicht!

In ganz Europa hat man sich damals in den Schänken und an den Höfen das Maul zerrissen: „Da hat also dieser Ketzer Luther dem Herrn Jesus die Braut ausgespannt.“ Na klar: Eine Nonne war schließlich eine Braut Christi. Und wenn die heiraten wollte, dann war das nicht nur Ehebruch, das war auch noch Bigamie. Kein Wunder, dass die Hochzeit einer Nonne oder eines Mönchs – und hier kam ja gleich beides zusammen – damals in vielen Fürstentümern noch unter Todesstrafe stand. Katharina und Martin planten nach Ansicht ihrer Gegner ein waschechtes Kapitalverbrechen. Und wer weiß: Es konnte ja durchaus sein, dass so ein Sakrileg den allseits befürchteten Weltuntergang herbeiführen würde.

Aber selbst nüchternere Freunde der beiden schüttelten den Kopf. Aus Sorge. Nicht um Käthe oder Martin. O nein! Aus Sorge um die Reformation. Sollte Luther heiraten, dann war nämlich endgültig klar: Es gibt keine Versöhnung mehr mit der katholischen Kirche. Aus und vorbei. Und die Feinde ergänzten spöttisch: Offensichtlich hat Luther die Reformation mit der Befreiung der Nonnen und Mönche nur angefangen, um seine niederen fleischlichen Gelüste zu befriedigen. Das heißt: Diese Hochzeit war nicht einfach eine Vermählung, sie war ein Politikum. Was mag Katharina da wohl gedacht haben?

Katharina: „Der Jurist Schurff hat damals gesagt: ‚Wenn der Mönch heiratet, so wird alle Welt und auch der Teufel lachen und seine Reformation wird scheitern.’ Großartig. Da standen wir beide und haben uns gefragt, ob es wirklich gut und richtig ist, dass wir ein Paar werden. Weil es ja anfangs auch keine große Liebe war. Martin hat einmal geschrieben: ‚Es reicht, wenn die beiden Ehekandidaten einander nicht in unüberwindlicher Abscheu gegenüberstehen.’ Nun: Ich hätte ja damals auch nie gedacht, dass wir einander später so sehr zugetan sein würden.“

Musik: Jimmy van Heusen, Arr. Ingo Luis, Blue Sense, Brass Akademie Berlin

Als Martin Luther gefragt wurde, warum er denn seine Hochzeitspläne mit Katharina von Bora so lange geheim gehalten habe, soll er sinngemäß geantwortet haben: „Wenn ich meine Freunde informiert hätte, hätten die gesagt: Heiraten ist trotz aller widrigen Umstände in Ordnung. Aber doch bitte nicht diese Frau?“ Tja. Katharina von Bora galt als vorlaut, frech, selbstbewusst, stolz und schrill. Sogar Luthers Freund Philipp Melanchthon schrieb über sie: „Diese Frau lässt sich nichts raten, sie will immer ihre Meinung durchsetzen.“ Na ja, eben eine typische kleine Landadelige.

Nur man fragt sich: Wie hat es so eine Persönlichkeit eigentlich all die Jahre im Kloster ausgehalten? In einem Kloster mit Schweigegelübde und Lach-Verbot? Mit sechs Gottesdiensten am Tag, ausgedehnten Fastenzeiten und einer stark frequentierten Wallfahrtskirche? Als Käthe sechs Jahre alt war, hat der Vater sie dorthin gebracht – nach dem Tod der Mutter. Damit sie versorgt war. Ins Kloster Marienthron bei Nimbschen. Immerhin: Hier hat sie wenigstens eine Schulausbildung bekommen. Aber frei fühlt sie sich dort nicht. Ich stelle mir vor, wie das damals gewesen sein mag

Katharina: „Eines Tages hörten wir Gerüchte: Mönche verlassen ihren Orden. Und da gibt es so einen Wittenberger Professor namens Luther, der sich mit der Kirche anlegt. Der, der später auch geschrieben hat: ‚Gott will keine Gelübde, die schädlich und unchristlich sind.’ Jemand schmuggelte Luthers Schriften in unser Kloster. Und dann entstand der Plan: Wir fliehen. Immerhin 12 von uns. 12 von rund 40. Mehr als ein Viertel. In der Osternacht 1523. In der Nacht, in der weltweit die Christenheit den Übergang vom Tod ins Leben feiert. Und so haben wir’s dann auch gemacht. Sind geflohen. Draußen stand schon der Ratsherr Leonhard Koppe, der alle vierzehn Tage frischen Fisch ins Kloster brachte, mit seinem Planwagen bereit, um mit uns davon zu fahren. In die Freiheit.“

Einige der Nonnen kehren zur ihren Familien zurück, aber Katharina und zwei ihrer Mitschwestern stammen aus einer Region, in der der Landesfürst mit entlaufenen Nonnen kurzen Prozess macht, also bleiben die drei in Wittenberg, dieser aufblühenden Stadt mit ihrer neugegründeten Universität, in der es eben auch zahlreiche junge Männer auf Brautschau gibt. Da wird sich ja wohl was finden.

Musik: Frederick Loewe, Arr. Ingo Luis, With a little bit of luck, Brass Akademoe Berlin

Vermutlich kam Katharina von Bora in Wittenberg nach ihrer Flucht aus dem Kloster bei dem berühmten Maler Lukas Cranach unter. Als Hausangestellte. Aber dieses Arbeitsverhältnis sollte ja nur vorübergehend sein. Denn tatsächlich: Katharina verliebt sich. Sehr bald sogar. In einen ehemaligen Studenten. Den Nürnberger Patrizier Hieronymus Baumgartner. Er ist die erste große Liebe ihres Lebens. Auf einmal hängt der Himmel voller Geigen. So, ja, genau so fühlt sich die heiß ersehnte Freiheit an. Aus dieser Zeit gibt es von Katharina von Bora keine Originalquellen, aber wir wissen, dass sie eine unfassbare Enttäuschung erlebte.

Katharina: „Und dann … dann haben seine Eltern mir mitgeteilt, dass sie die Verlobung nicht dulden. ‚Wir wollen keine entlaufene Nonne in der Familie.’ Diese … diese … Kleingläubigen. Krämerseelen. Hatten wahrscheinlich Angst um ihren guten Ruf. Und Hieronymus, der mir so euphorisch seine Liebe gestanden hat, war am Ende sein Erbe wichtiger als die Liebe. So ein Feigling. Tja, und Luther, der in Nürnberg für mich ein gutes Wort bei meinen potentiellen Schwiegereltern einlegen wollte, den hat seine Sprachgewalt wohl auch verlassen.“

Immerhin: Martin Luther, der in dieser Zeit selbst über beide Ohren in Käthes Freundin Ave von Schönfeldt verliebt ist, macht sich Sorgen um die enttäuschte Ex-Nonne und versucht sich als Heiratsvermittler.

Dr. Kaspar Glatz wäre frei. Ein Stiftsherr und angesehener Pfarrer in Orlamünde. Den bietet er Katharina quasi auf dem Servierteller an: „Bitteschön, eine wirklich gute Partie.“ Doch dann passiert etwas Unglaubliches. Denn Katharina sagt: „Nein“. Sie ist nicht bereit, die neu gewonnene Freiheit für einen ungewollten Ehemann einzutauschen. Anfang des 16. Jahrhunderts war das noch schier undenkbar, dass eine Frau einfach einen ehrwürdigen Kandidaten und Versorger abweist. Nur weil ihr der Mann nicht gefällt. Katharina spürt offensichtlich: Die „Freiheit eines Christenmenschen“ von der der Reformator so gerne redete, die darf nicht nur im Kopf stattfinden, die muss auch gelebt werden. Martin Luther ist darüber richtig sauer.

Schließlich hat er sich für Katharina ins Zeug gelegt. Einem Freund erklärt er: „Welcher Teufel will sie denn schon haben? Wenn sie den Glatz nicht mag, dann muss sie eben noch lange Zeit auf einen anderen warten.“ Und Katharina: Die erwähnt nach dieser unschönen Erfahrung in einem Gespräch unüberlegt, dass sie – bevor sie einen von Luthers seltsamen Kandidaten nimmt – ja notfalls den Reformator selbst heiraten würde. Denn: Dessen Herz ist inzwischen auch gebrochen, weil seine Angebetete Ave keine Lust mehr hatte, auf einen Antrag des wankelmütigen Professors zu warten. Sie hat kurzerhand den Haus-Apotheker der Familie Cranach geheiratet. Und so passiert es wie im schönsten Liebesroman: Katharina und Martin versuchen, einander in ihrem Schmerz beizustehen, und entdecken dabei, dass sie es doch auch miteinander versuchen könnten. Warum denn nicht?

Musik: Frederik Loewe, Arr. Ingo Luis, Wouldn’t it be lovely, Brass Akademie Berlin

Die erste Hochzeit findet im Geheimen statt. Mit nur fünf Gästen. Nicht mal Luthers Mitstreiter Philipp Melanchthon ist eingeladen. Woraufhin er säuerlich bemerkt: „Unerwarteter Weise hat Luther die Bora geheiratet, ohne auch nur einen seiner Freunde vorher über seine Absichten zu unterrichten. Er kompromittiert seinen guten Ruf in einer Zeit, wo Deutschland besonders seines Geistes und seiner Autorität bedarf. Der Mann ist überaus leicht zu verführen. Die Nonnen haben ihn umgarnt und verweichlicht.“ Katharina würde davon vermutlich so erzählen:

Katharina: „Johannes Bugenhagen hat uns im Schwarzen Kloster getraut. Die Cranachs waren dabei. Justus Jonas und der Jurist Johann Apel. Und später haben wir – natürlich – die Ehe auf dem Brautlager vor diesen, unseren Trauzeugen, vollzogen. Wie es sich gehört. Am 13. Juni 1525. Martin war damals 42, ich war 26. Und zwei Wochen später gab es dann eine offizielle kirchliche Trauung mit einem großen Fest, zu dem auch der Ratsherr Leonard Koppe kam, der uns zwei Jahre zuvor bei der Flucht aus dem Kloster geholfen hatte.“

Doch nun passiert tatsächlich das, was Luther all die Jahre befürchtet hat: Es kommt zu einem frühneuzeitlichen Shitstorm. Alle fallen über ihn her. Sogar der berühmte englische König Heinrich VIII. verkündet lauthals: „Luther hat seine Reformation allein aus Geilheit angefangen.“

Puh. Auch in Wittenberg toben die Leute. Am 9. Dezember, so erzählt es das Stadtarchiv, erhält zum Beispiel eine Frau namens Clara Jessner eine üppige Geldstrafe, weil sie Luther und Katharina auf offener Straße derb beleidigt hat.

Aber das ist noch nicht alles. Überall erscheinen Schmähschriften, in denen Katharina als treulose, meineidige, entlaufene Hure bezeichnet wird, die sicher sein kann: Sie wird in der Hölle schmoren. Und das geht über Jahre so. Noch 1538, 13 Jahre später, wird ein dickes Buch mit dem Titel „Monarchopornomachia“ veröffentlicht, zu deutsch: der Mönchs-Huren-Krieg, ein pornografisches Machwerk, in dem Katharina als mannsgeile Wilde dargestellt wird, die mit jedem Dahergelaufenen ins Bett steigt.

Und: Von Anfang an wurde die Drohung ausgesprochen, die schon länger in aller Munde war und die damals in der von Aberglauben getränkten Zeit auf fruchtbaren Boden fiel: „Wenn eine Nonne und ein Mönch ein Kind bekommen, dann zeugen sie … den Antichrist.“ Man ahnt, wie sich die frischvermählte Katharina gefühlt haben mag, als sie im Herbst 1525 das erste Mal schwanger wird.

Doch während sich die ganze Welt echauffiert, schweißt der Gegenwind das Paar zusammen. Im gemeinsamen Aushalten werden sie stark. Vor allem Luther wirkt wie ausgewechselt. Jetzt, da er diese komplizierte Sache mit der Ehe für sich geklärt hat, ist sein Kopf endlich wieder frei – und er wendet sich mit neuer Energie der Reformation zu, die dadurch tatsächlich wieder in Fahrt kommt. Das heißt: Die Hochzeit führt nicht, wie gefürchtet, zum Ende der Reformation, sie macht allen Beteiligten deutlich: Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Und Luther hat gelernt: Über Liebe kann man nicht nur predigen, Liebe muss man wagen.

Musik: Leonard Bernstein, Tonight (aus Westsidestory), Empire Brass

Die beiden scheinen ein tolles Paar gewesen zu sein: Katharina von Bora und Martin Luther. Sie leitet umsichtig den familiären Kleinbetrieb mit Brauerei, Gästezimmern, Landwirtschaft und Dutzenden von Verwandten im Haus, er plant eine neue Kirche, die jeder versteht, und in der die Menschen erfahren, dass sie aus Gnade von Gott geliebt sind. Sie tischt jeden Abend unzähligen Gästen auf, er führt dabei mit den Anwesenden hochgeistliche Tischgespräche, in denen viele Ideen für die Reformation entstehen.

Dazu kommt, dass Martin seine Frau immer öfter auch in seine Aktivitäten einbindet. Einmal bittet er sie zum Beispiel an seiner statt bei der Wahl eines Pfarrers dabei zu sein. Ein Frau, die theologische Entscheidungen fällt? Nun, zu Katharina hat es gepasst. Die konnte ja auch ihrem Mann unverhohlen ihre Meinung sagen. So wie sie direkt nach der Hochzeit Martins Matratze entsorgt hat. Die war nämlich verschimmelt – weil sie nicht, wie es sich gehörte, gewendet worden war. Typisch Junggeselle. Angeblich soll Katharina sogar erklärt haben, dass sie sich den Herrn Doktor schon so erziehen werde, wie sie ihn brauche. Nicht schlecht.

Tatsache ist: Im Lauf der Jahre wächst zwischen den beiden tatkräftigen Ehepartnern trotz des Skandals eine tiefe Zuneigung. Oder vielleicht gerade deswegen. Eine unverhoffte Liebe, in der die beiden sich immer mehr als eine Einheit wahrnehmen. Martin Luther jedenfalls schrieb: „Ich wollte meine Käthe weder für Frankreich, noch für Venedig hergeben.“ Weil es bisweilen eben passiert, dass sich zwei nicht suchen und trotzdem finden.

Als Katharina von Bora und Martin Luther heirateten, da standen nicht einfach nur ein bekannter Professor und eine entlaufene Nonne vor den Traualtar – da bündelte sich in ihrer Beziehung die gesamte damalige Geschichte. Vor allem aber scheinen sich die beiden hervorragend ergänzt zu haben: Während Katharina ihrem Martin ganz praktisch zeigte, wie man die Freiheit im Alltag gestalten kann, ermutig er sie, doch bitte dabei die geistliche Freiheit nicht aus den Augen zu verlieren. Zumindest ist uns überliefert, dass ihn – bei aller Liebe – ihre Fürsorglichkeit bisweilen aufregte. Zumindest schrieb er seiner Frau einmal: „Du willst sorgen anstelle Gottes, als wäre er nicht allmächtig. Lass mich zufrieden mit deiner Sorge. Ich habe einen besseren Sorger, als du und alle Engel sind. Darum sei zufrieden. Amen.“

Musik: Leonard Bernstein, Sanctus (Aus Mass), Empire Brass

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