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Novemberstimmung
Bildquelle: Caliskan/Pixabay

Novemberstimmung

Ute Zöllner
Ein Beitrag von Ute Zöllner, Evangelische Pfarrerin i.R., Pastoralpsychologin, Kassel
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Hanne schaut aus dem Fenster. Sie seufzt. „Ach,“ meint sie „der November ist einfach nicht mein Monat. Das Wetter ist doch zum Steinerweichen. Sonja, sieh dir das doch mal an: Heute wird es überhaupt nicht richtig hell.“ Sonja sieht hoch und legt die Eingangspost beiseite. Sie guckt ihre Kollegin an. „Was ist denn mit dir los?“ fragt sie.

„Im Grunde ist alles in Ordnung“, meint Hanne, „aber das Wetter geht mir wirklich auf die Nerven. Der November ist nicht mein Monat. Mir fehlt das Licht. Sonne tut mir wirklich gut. Aber im Moment ist es nur dunkel - morgens und abends. Und zwischendurch, da ist der Himmel grau. Jetzt kommen noch diese traurigen Feiertage, die sind auch nicht mein Fall. Eine ganz schöne Herausforderung ist es, den November zu überstehen. In jedem Jahr geht es mir so. Ist der November da, geht meine Stimmung in den Keller.“
„Ja, schon“, sagt Sonja. Ihre Stimme klingt etwas gedehnt. „Natürlich ist blauer Himmel mit Sonnenschein eine feine Sache. Aber immer nur Sommerwetter, das ist doch auch langweilig.“

„Ich möchte aber Licht und Wärme spüren.“ Hanne redet jetzt etwas lauter. „Ich brauche einfach Sonnenlicht, um mich wohl zu fühlen!“

„Ja, wem sagst du das. Geht mir doch genauso.“ Sonja schaut ihre Kollegin nun freundlich an. „Aber, dass du dich wohl fühlst, hat doch nicht nur mit dem zu tun, was außen ist. Für mich hängt das viel mehr mit dem zusammen, was in mir vorgeht. Mit wem fühle ich mich verbunden? Das ist so ein Gedanke. Aber auch: Worüber kann ich mich freuen? Dies ist der Tag, den Gott macht. Darüber kann ich mich zum Beispiel freuen. So ein Gedanke hilft mir auf. Das macht mich fröhlicher.
Was außen ist, das Wetter zum Beispiel, beeinflusst meine Stimmung auch. Aber das eben nur zum Teil. Bitte entschuldige, Hanne, ich geh eben an die Postfächer, bin aber gleich wieder da.“ Sonja steht auf und verschwindet mit einem Stapel von Briefen in der Hand. 
Hanne schaut der Kollegin hinterher und dann wieder aus dem Fenster. Inzwischen nieselt es. Da kommt es ihr vor, als würde sie durch die Regentropfen hindurchsehen. Das gibt ihr einen kleinen Stich ins Herz.

Wie es mir selber geht? Fragt sie sich. Ja, wie eigentlich? Durch die Regentropfen hindurchzusehen, spürt Hanne, das ist schon mal ein gutes Gefühl. Dem folge ich einfach mal weiter. Sie fühlt sich etwas wohler. Stimmt, sagt sie sich, auch diesen Tag hat Gott gemacht.

 

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