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Menschlichkeit für einen Moment
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Menschlichkeit für einen Moment

Patricia Nell
Ein Beitrag von

Patricia Nell,

Katholische Pastoralreferentin und Religionslehrerin, Frankfurt
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Es gibt auch schöne Momente in dieser Zeit, finde ich. Das Leben hat ja viel an Leichtigkeit verloren. Abstand zueinander, Mundschutz und ständiges Händewaschen machen jeden Schritt vor die eigene Haustür irgendwie anstrengend. Ernst und zielstrebig erledigen die meisten ihre Einkäufe.

Wohltuend sind da all` jene, die in sich ruhen und gelassen bleiben. Obwohl sie auch nicht weniger zu tun haben als die anderen und trotzdem ihren Nächsten nicht aus dem Auge verlieren. So einen habe ich kürzlich beobachtet. Vor einer Bäckerei. Ein junger Mann war das, mit cool gedrehter Baseballmütze, Shorts und einer Laptoptasche. Er stand in der Warteschlange hinter einem älteren, gebückten Mann, der sich mit einer Hand an seinem Rollator festhielt. Mit der anderen hat er gekramt, zuerst in der Jackentasche und dann in der Einkaufstasche.

„Hi – kann ich helfen?“ hat der junge Mann ihn locker von hinten gefragt. „Ach, ich finde dieses Ding einfach nicht“, sagte der ältere Mann aufgeregt und wühlte weiter. „Hab’s wohl verloren.“ „Dann nehmen sie doch einfach den hier“, rief die junge Stimme von hinten, und ein originalverpackter Mundschutz landete auf dem Rollator des alten Mannes. „Ach, wirklich?“ sagte der dann sichtlich erleichtert. Und weil er mit einer Hand schlecht etwas auspacken konnte, hat sich der freundliche junge Mann auch noch die Hände desinfiziert und ihm dabei geholfen, den neuen Mundschutz aufzusetzen.

Dann hat er ihm den Rollator über die Türschwelle gehoben und den alten Herrn noch bis vor die Ladentheke begleitet. –

Niemand in der Warteschlange war diese kleine Begebenheit entgangen. Alle waren irgendwie gerührt. Es liegt etwas Großes in so kleinen, menschlichen Gesten. Sie verbreiten dort, wo sie sich ereignen eine ganz besondere Atmosphäre. Den Leuten dort vor der Bäckerei jedenfalls hat sie ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Und in diesem Moment hatte ich das Gefühl, sie alle hatten gerade genau das erkannt:

Wir Menschen sind aufeinander angewiesen. Immer. Und besonders in dieser Zeit. Wir alle sind eine Gemeinschaft aus Wartenden. Und manchmal, so wie jetzt, auch aus Hilflosen. Wir wissen nicht, wie lange das nun noch so gehen wird. Aber wir können uns unter diesen Bedingungen so durch den Alltag bewegen, dass wir einander nicht übersehen. Und wenn’s Not tut, überwinden wir auch mal den gebotenen Abstand und nehmen den Nächsten ein bisschen an die Hand. Wir alle können die Situation, da wo wir gerade sind, erträglicher machen. Und daraus schöne Momente entstehen lassen. Momente, in denen wir genau das spüren: Es macht glücklich, wenn wir für andere Menschen da sein können. Dazu braucht es keine außergewöhnlichen Ereignisse. Und auch keine besonderen Kenntnisse. Was es aber braucht, ist Aufmerksamkeit und ein bisschen Wohlwollen. Und die Gewissheit: Allen Regeln zum Trotz bleibt die menschliche Zuwendung immer das Wichtigste im Leben. In Krisenzeiten. Und darüber hinaus.

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