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Mein Vater war dabei
Bildquelle: Alexas fotos/Pixabay

Mein Vater war dabei

Helmut Wöllenstein
Ein Beitrag von

Helmut Wöllenstein,

Evangelischer Propst, Sprengel Marburg
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Heute am 2. September vor 80 Jahren war der zweite Tag des Zweiten Weltkriegs. Mein Vater war dabei. Er lebt nicht mehr, wie die meisten, die als Erwachsene den Krieg miterlebt haben. Die als Soldaten mitgehen mussten oder vorangegangen sind, die gekämpft und getötet haben; die auch als zivile Opfer verletzt wurden. Ich würde meinen Vater gerne fragen: Wo warst Du an diesem 2. September 1939? Die Aufzeichnungen, die ich noch von Dir habe, sagen es nicht. Auf den Fotos, die du mir früher gezeigt hast, sieht man dich in Polen, Südfrankreich oder Russland. Von Heldentaten hast du nichts erzählt. Aber von der Angst vor den Partisanen nachts. Du wusstest natürlich auch, warum sie euch so brutal angingen. Ich habe immer deine Erleichterung gespürt, wenn du gesagt hast: „Ich habe keinen totgeschossen, das kannst du mir glauben“. Aber es war dir schon klar, dass du dazu beigetragen hast, dass andere Menschenleben vernichteten. Du warst Funker, Luftwaffenaufklärer. Schnell und modern zu kommunizieren war deine Aufgabe. Das klingt harmlos, hieß aber doch: überraschend tödliche Angriffe vorzubereiten. Du warst hineinverstrickt und das hat dich immer gequält. Je älter du wurdest, desto öfter hast du gesagt: „Wir haben viel falsch gemacht“. Manchmal hast Du auch ganz begeistert von Südfrankreich erzählt, wie schön die Städte sind, Arles, Avignon, oder das Meer. Vielleicht war das ein Grund, warum ich dann als Student immer wieder in die Provence gefahren bin. Und mich so sehr an der Gastfreundschaft gefreut habe, die uns entgegen kam. Nur einmal wurden wir weggejagt beim Zelten. Ein älterer Mann wollte uns nicht haben auf seiner Wiese, diese jungen Deutschen, er hatte genug von dieser Sprache, von diesen Nachbarn. Als in den 70er Jahren ein Bus mit französischen Gästen in unser Dorf kam, hast du sie als Bürgermeister empfangen. Ich habe dich in der Öffentlichkeit selten so herzlich erlebt. Du warst dankbar, dass die alten Feinde deine Freundlichkeit annehmen und dir genauso begegnen konnten. Ich bin sicher, Du wärest heute entsetzt über den Rechtsruck, der sich in unserem Land breitmacht. Über den Nationalismus in Europa. Du hast erlebt, welche Folgen das hat. Und ich ahne, du würdest jetzt auch gerne mit uns zusammen nach Litauen reisen, in die damalige Sowjetunion. Dort lebt jetzt einer von deinen Enkeln mit seiner litauischen Frau und deinem Urenkelchen. Ich stelle mir vor, wie du die Kleine Vasaryte auf den Arm nimmst und dich freust. Einfach nur, weil das heute möglich ist. Weil Ost und West trotz aller Spannungen am Frieden festhalten.

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