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Kritische Töne
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Kritische Töne

Andrea Wöllenstein
Ein Beitrag von Andrea Wöllenstein, Pfarrerin im Referat Erwachsenenbildung der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Marburg

Seine Arbeit nimmt ihn voll und ganz in Beschlag. Im Laufe der Zeit ist es immer mehr geworden. Neue Aufgaben, höhere Verantwortung. Alle Fäden scheinen bei ihm zusammen zu laufen. Seine Erfahrung, sein Wissen, sein Rat sind gefragt. Für Freizeit und für die Familie bleibt keine Zeit mehr. Immer öfter kommt es zu Auseinandersetzungen mit seiner Frau. Bei einem Streit hat er gesagt: „Dann geh doch wieder zu deinen Eltern!“ Und sie hat es tatsächlich gemacht. Hat ihre Sachen gepackt und ist mit den Kindern gegangen. Nun hat er noch mehr Zeit zum Arbeiten. Niemand macht ihm Vorwürfe deswegen. Aber wirklich gut geht es ihm damit nicht.

Der Mann, von dem ich spreche, ist Mose. Der starke Mann, der das Volk Israel aus der Knechtschaft in Ägypten geführt hat. Und ausgerechnet sein Schwiegervater Jithro, bringt eine Wende in das Drama. Er sieht, dass alle unglücklich sind. Seine Tochter Zippora, Mose, der Schwiegersohn  - und die Kinder sowieso. Eines Abends steht er vor der Tür. Unangemeldet. Ein Gespräch von Mann zu Mann. Er fragt, wie es so läuft mit der Arbeit. Lobt ihn für seine großen Erfolge. Dann essen sie zusammen mit den Kollegen, den Ältesten des Volkes, und legen sich zur Ruhe.

Am andern Morgen gehen sie zusammen zur Arbeit. Moses Aufgabe besteht darin, die Menschen zu beraten, und in Streitfällen Recht zu sprechen. „Und das Volk stand um Mose her vom Morgen bis zum Abend“, erzählt die Geschichte im zweiten Buch Mose. „Als aber sein Schwiegervater alles sah, sprach er: Warum musst du ganz allein da sitzen, und alles Volk steht um dich her vom Morgen bis zum Abend? Mose antwortete ihm: Das Volk kommt zu mir, um Gott zu befragen. Denn wenn sie einen Streitfall haben, kommen sie zu mir, damit ich richte zwischen dem einen und dem andern… Sein Schwiegervater sprach zu ihm: Es ist nicht gut, wie du das tust. Du machst dich zu müde, dazu auch das Volk, das mit dir ist. Das Geschäft ist dir zu schwer; du kannst es allein nicht ausrichten.“ (Ex. 18,11-18)
Statt alles selber zu machen, soll er Mitarbeiter einsetzen, ihnen Verantwortung übertragen. Unterscheiden, was seine eigene Aufgabe ist, und was andere genauso tun können.
Und tatsächlich: Mose nimmt den Rat seines Schwiegervaters an und ändert sein Leben.

Allen ist damit geholfen. Er selber hat mehr Zeit. Die Leute, die Rat suchen, müssen nicht mehr so lange warten. Seine Mitarbeiter sind froh, dass sie endlich etwas allein entscheiden können. Seine Frau kommt mit den Kindern zurück und der Familiensegen ist wieder hergestellt.

Solche Menschen wünsche ich mir auf meinem Lebensweg – ob es Schwiegerväter sind oder gute Freundinnen. Menschen, die sehen, wo etwas schief läuft. Die den Mut haben, zu sagen, was sie wahrnehmen, auch wenn es unangenehm ist. Und die ein Gespür dafür haben, Kritik so formulieren, dass ich sie annehmen kann, dass sie mir zum Segen wird.

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