Ihr Suchbegriff
Beitrag anhören:
Herbert Grönemeyer: "Ich dreh mich um dich"

Herbert Grönemeyer: "Ich dreh mich um dich"

Beate Hirt
Ein Beitrag von

Beate Hirt,

Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim hr, Frankfurt
Beitrag anhören:

Eigentlich bin ich ziemlich lebenslustig. Und ich feiere diese „Lust am Leben“ auch gerne mit anderen, mit Musik und Tanz zum Beispiel. In diesem Sommer geht das leider alles nicht so wegen Corona. Auch die Fete zu meinem 50. hab ich absagen müssen. Aber Tanzen: Das tu ich trotzdem manchmal. In meinem Wohnzimmer, nur für mich allein. Es gibt einen Song, mit dem hab ich das schon lange vor Corona gemacht: im Wohnzimmer tanzen. Nicht überschwänglich, eher bedächtig. Und trotzdem: mit Lebenslust und Energie. Es ist der Song „Ich dreh mich um dich von Herbert Grönemeyer“. Auch wenn der erst mal ganz und gar nicht fröhlich startet.

Wenn du im Trüben fischst, und es tropft in dein Gemüt,
wenn alle Geheimnisse verraten sind, und du dich verloren fühlst.

Tanzen gegen den Morgenblues

Der Song startet also etwas trübsinnig. Er beschreibt erst mal in ziemlich poetischen Bildern, wie es mir geht, wenn ich grad wenig bis keine Lebenslust habe: „Wenn du im Trüben fischst und es tropft in dein Gemüt… wenn du dich verloren fühlst.“ Ich kenn das. Manchmal fühlt sich schon der normale Morgenblues so an. Ich komm dann schwer aus dem Bett. Jetzt in Corona-Zeiten war das öfter so als sonst, gerade in den ersten Wochen. Da hab ich ja auch oft im Trüben gefischt. Die Klarheit im Leben war ziemlich weg. Wie geht das jetzt weiter mit diesem Virus. Was wird aus dem, was ich geplant hab, dienstlich und privat. Und auch die Sorgen haben in mein Gemüt getropft: Wie geht’s meinem alten Vater? Wie können wir ihn vor dem Virus schützen?  All das hat mich ganz schön runtergezogen. Und ich war froh um Dinge, die mich wieder aufgerichtet haben. Oder sogar zum Tanzen gebracht haben. Dieser Song von Grönemeyer gehörte dazu, wie öfter schon in den letzten Jahren. Nach den ersten etwas trübsinnigen Zeilen nimmt der Song eine ziemlich tröstliche Wendung, im Refrain. Eine Melodie setzt ein, sie fängt an, sich zu drehen, um einen Ton herum, immer im Kreis, ganz nah und intensiv.

Ich dreh mich um dich, ich dreh mich um dich,
stell mich vor den bösen Blick,
deine Tränen werd ich übernehmen,
alle Qualen und alle Foltern überstehn,
auch wenn du greinst, du dich kasteist,
und wenn du haderst, du dich zerreißt,
wenn sich alles verdunkelt, bring ich dich durch die Nacht.

Geborgen und aufgehoben im kreiselnden Tanz

Ich find diesen Refrain einfach nur großartig. Mit diesem tröstlichen Text und mit der Melodie, die sich auch schon dreht, die mich umkreist. Und ehrlich: Ich hab das schon öfter gemacht: Ich setz mir dann die Kopfhörer auf und tanze zu dem Refrain in meinem Wohnzimmer herum, dreh mich sanft um mich selbst. „Ich dreh mich um dich“ heißt es bei Grönemeyer, da dreht sich noch jemand mit mir, und der spricht in dem Song dann eine unglaubliche Zusage nach der anderen: Ich stell mich vor den bösen Blick. Deine Tränen werd ich übernehmen. Wenn sich alles verdunkelt, bring ich durch die Nacht. Ich finde: In all der Traurigkeit ist da plötzlich auch so viel Trost. So viel Kraft. Herbert Grönemeyer singt das hier, aber für mich scheinen da auch andere durch, die das so ähnlich zu mir gesprochen haben oder sprechen, Menschen oder auch: Gott. Eine vertraute Stimme, die mir sagt: Ich bin an deiner Seite. Ich hol dich da raus. Ich sorg dafür, dass dir all deine Sorgen nichts mehr anhaben können. Ich beschütze dich vor der Welt da draußen und vor allem, was dir Angst macht. Ich bring dich durch die Nacht.

auch wenn du greinst, du dich kasteist,
und wenn du haderst, du dich zerreißt,
wenn sich alles verdunkelt, bring ich dich durch die Nacht.

Mich dem Schicksal mit beiden Füßen entgegenstemmen

Der Song ist schon 22 Jahre alt, Grönemeyer hat ihn 1998 rausgebracht. Da wussten seine Fans noch nicht, dass seine Frau Anna schwer krebskrank ist. Im November 1998 ist sie dann gestorben, übrigens in der gleichen Woche wie auch sein Bruder Wilhelm, der auch Krebs hatte. Man kann ein bisschen ahnen, in welcher Situation der Song und die ganze Platte entstanden sind und an wen sich all diese Zusagen richten, „deine Tränen werd ich übernehmen, ich bring dich durch die Nacht.“ Herbert Grönemeyer erzählt in einem Interview: "Ich denk, ‚Ich dreh mich um dich‘ hat in der Tiefe sicherlich im Text soviel Vorausahnendes. Was ich natürlich versucht habe, gerade mit der ganzen Platte ‚Bleibt alles anders‘, ich habe versucht, so quasi mit beiden Füßen mich dem Schicksal entgegenzustemmen. Und ich hab gedacht, dass wir aus der wirklichen Schussabfahrt herauskommen.“ Was für eine heftige Situation, in der dieser Song entstanden ist!

Auch in der zweiten Strophe kann man ahnen, durch was für eine Hölle Herbert Grönemeyer und seine Frau in dieser Zeit gegangen sind.

Wenn der Kompass nur Himmel und Hölle zeigt,
und deine Sinne verschwimmen,
wenn du dir nicht vergeben kannst,
und keiner deine Feuer löscht.
Ich dreh mich um dich, ich dreh mich um dich,
stell mich vor den bösen Blick.

Stark wie der Tod ist die Liebe

Was für eine schreckliche Situation: die Ehefrau stirbt an Krebs und du kannst nichts dagegen tun. Für mich steckt in dem Song einerseits eine riesengroße Traurigkeit, andererseits aber auch eine unglaublich große Kraft und Energie: Da sagt einer voller Liebe: Ich bin an deiner Seite. Ich stemme mich mit dir gegen Krankheit und Tod. „Stark wie der Tod ist die Liebe“ (Hoheslied 8,6), heißt es mal in der Bibel. Wer liebt, der kann wirklich so verrückte Sätze sagen wie: „Ich stell mich vor den bösen Blick.“ Oder auch: „Deine Tränen werd ich übernehmen, alle Qualen, alle Foltern überstehen.“ Eigentlich klingt das ja erst mal völlig überfordernd, übermenschlich, unwahrscheinlich: Wie soll mir jemand mein Leiden abnehmen können, mich vor allem Bösen bewahren können? Natürlich konnte auch Herbert Grönemeyer seine Frau Anna nicht vor dem Tod retten. Er konnte ihr vermutlich auch nicht alle Verzweiflung und alles Leid ersparen. Aber ich bin überzeugt: Mit seiner Liebe und seinem Dasein hat er ihr den Weg leichter gemacht. Ich hab das auch schon erlebt bei Menschen, die sterbenskrank waren, die ich in den Monaten vor ihrem Tod begleiten durfte: Wie wichtig und stark und groß da Nähe und Zuneigung werden können. Welche große Kraft entsteht, wenn Menschen einander zusagen: Ich geh mit dir durch die Nacht, ich bleib bei dir. Ich dreh mich um dich.

In Grönemeyers Song steigert sich diese Zusage aus dem Refrain am Schluss sogar noch mal: Da wird es richtig groß und kraftvoll. „Was keiner weiß, find ich für dich raus, aus jedem Labyrinth, aus jeder Erpressung löse ich dich aus.“

Was keiner weiß, find ich für dich raus,
aus jedem Labyrinth, aus jeder Erpressung löse ich dich aus.
Beseitige jeden Fluch, lots dich durchs tiefste Tal,
schneid dich vom Marterpfahl, schneid dich vom Marterpfahl.

Mein guter Hirte lotst mich durchs tiefe Tal

Was für eine Energie in der Musik. Was für starke Sätze. Ich lots dich durchs tiefste Tal. Für mich klingen diese Sätze nicht nur nach Worten von Menschen, die einander lieben. Für mich sind das auch göttliche Worte. Ich weiß nicht, ob Herbert Grönemeyer in diesem „Ich“, von dem er singt, auch Gott entdeckt, vielleicht eher nicht. Aber er benutzt eine Sprache, die mich als Gläubige sofort an Gott und die Bibel erinnert: „Ich lots dich durchs tiefste Tal.“ Da muss ich an meinen Lieblingspsalm in der Bibel denken, Psalm 23, der vom guten Hirten. Da heißt es: „Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir.“ (Psalm 23,4) Für mich ist Gott so eine Kraft, die mich, wenn‘s mir schlecht geht, stärkt und schützt. Wenn ich morgens keine Energie hab, aus dem Bett zu kommen, oder auch: Wenn ich mir um andere Menschen Sorgen mache. Oder: Wenn ich um einen Menschen trauere, der gestorben ist. Auch wenn ich im tiefsten, finstersten Tal bin: Ich glaube: Gott lotst mich da durch. Er ist da, das ist sein Name: Ich bin da.

Du gibst mir Kraft und neue Lust aufs Leben

Für mich ist Gott der einzige, der das wirklich absolut kann: immer da sein, mich wirklich vom Marterpfahl schneiden, mich aus jeder Erpressung herauslösen. Aber ich glaube genauso: Es gibt auch Menschen, die das ähnlich hinbekommen. Göttliche Menschen, Engel, die das auch schon ziemlich gut können: durch die Nacht helfen, durchs tiefste Tal lotsen. Und natürlich kann auch ich immer wieder versuchen, so ein Mensch zu sein. Und solche Sätze sagen: Ich stell mich vor dich, vor den bösen Blick, ich stell mich neben dich und bleib bei dir, wenn du mich brauchst. Ich dreh mich um dich.

All das steckt für mich in diesem Song „Ich dreh mich um dich“ von Herbert Grönemeyer. Und wenn ich ihn höre und wenn ich mich dazu im Wohnzimmer um mich selbst drehe, dann spür ich Energie in mir wachsen. Und neue Lust aufs Leben.

Ich dreh mich um dich, ich dreh mich um dich,
stell mich vor den bösen Blick,
deine Tränen werd ich übernehmen,
alle Qualen und alle Foltern überstehn,
auch wenn du greinst, du  dich kasteist,
und wenn du haderst, du dich zerreißt,
wenn sich alles verdunkelt, bring ich dich durch die Nacht.

SONGTEXT

Wenn du im Trüben fischst, und es tropft in dein Gemüt,
wenn alle Geheimnisse verraten sind, und du dich verloren fühlst.

Ich dreh mich um dich, ich dreh mich um dich,
stell mich vor den bösen Blick,
deine Tränen werd ich übernehmen,
alle Qualen und alle Foltern überstehn,
auch wenn du greinst, du dich kasteist,
und wenn du haderst, du dich zerreißt,
wenn sich alles verdunkelt, bring ich dich durch die Nacht.

Wenn der Kompass nur Himmel und Hölle zeigt,
und deine Sinne verschwimmen,
wenn du dir nicht vergeben kannst,
und keiner deine Feuer löscht.

Ich dreh mich um dich, ich dreh mich um dich,
stell mich vor den bösen Blick
 deine Tränen werd ich übernehmen,
alle Qualen und alle Foltern überstehn,
auch wenn du greinst, du dich kasteist,
und wenn du haderst, du dich zerreißt,
wenn du völlig verzweifelst
geh ich neben dir.

Was keiner weiß, find ich für dich raus,
aus jedem Labyrinth, aus jeder Erpressung löse ich dich aus.
Beseitige jeden Fluch, lots dich durchs tiefste Tal,
schneid dich vom Marterpfahl, schneid dich vom Marterpfahl.

Ich dreh mich um dich, ich dreh mich um dich,
stell mich vor den bösen Blick
deine Tränen werd ich übernehmen,
alle Qualen und alle Foltern überstehn,
auch wenn du greinst, du dich kasteist,
und wenn du haderst, du dich zerreißt,
wenn sich alles verdunkelt,
bring ich dich durch die Nacht.

Weitere Themen

Das könnte Sie auch interessieren