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Einheit

Einheit

Simone Gerlitzki
Ein Beitrag von

Simone Gerlitzki,

Katholische Pastoralreferentin, Frankfurt
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Vor kurzem habe ich eine Stadt mit langer Vergangenheit besucht, Köln. Hier habe ich Reste von Stadtmauern und alten Befestigungen gesehen. Wie ein festes Band hielt so eine Mauer die Stadt früher zusammen und hat sie zugleich vor Feinden geschützt. Dadurch erschien eine solche Stadt als ein geschlossenes Ganzes – nach außen hin; sie war es aber auch in ihrem Innern: Das Leben in ihr war nach festen Regeln und Gesetzen bis ins Kleinste organisiert. Als Außenstehender hatte man es schwer, in dieses fast geschlossene System hineinzukommen.

Bis heute hat sich das jedoch längst geändert: Meistens finden sich nur noch Reste der Stadtmauern, die Stadt ist über ihre früheren Grenzen hinaus gewachsen: Die Mauern sind gefallen und das Leben in Köln und anderen großen Städten ähnlichen Ursprungs ist freier, bunter, internationaler, als es im Mittelalter war. Natürlich bringt das auch neue Probleme mit sich. Wenn solche Städte trotzdem in sich ganz bleiben wollen, ihre Identität bewahren oder neu finden wollen, dann helfen keine neuen Mauern, dann braucht es innere Gemeinsamkeiten und Beziehungen zwischen Menschen, die zusammen leben und arbeiten, gemeinsame Interessen und Ziele haben.

Ich habe den Eindruck: meine katholische Kirche ist da in einer ganz ähnlichen Übergangsphase, von einer stärkeren Einheit hin zu einer größeren Vielfalt.

Es gab eine Zeit, in der sie einer geschlossenen Stadt glich, als sie nämlich in vielen Ländern eine „Volkskirche“ war. Man konnte genau sagen: „der gehört dazu und der nicht!“ Ländergrenzen waren früher auch Konfessionsgrenzen – oder gar Religionsgrenzen – und diese hatten dann oft etwas von Befestigungen an sich.

Diese Grenzen und Mauern wurden durch vielerlei Ereignisse gesprengt. Menschen verschiedener Herkunft und Kultur, unterschiedlicher Weltanschauung und Konfessionen sind heute bunt gemischt. So ist nicht nur die größere Übersichtlichkeit, sondern auch die damit verbundene Sicherheit und Geborgenheit verloren gegangen. Das Leben der Christen ist damit reicher und bunter geworden, aber auch spannungsreicher und komplizierter.

In großen Städten wie Frankfurt gibt es mittlerweile fast so viele Christen anderer Muttersprachen wie solche, die Deutsch als Muttersprache haben. Diese muttersprachlichen Gemeinden teilen sich nun nicht nur die Gemeinderäume, sondern auch die Kirche. Manches Mal kommt es deshalb zu Unstimmigkeiten, weil die muttersprachliche Gemeinde zur gleichen Zeit die Kirche oder einen Gemeinderaum braucht, wie die deutsche Gemeinde. Meistens werden diese Streitereien aber durch einen Kompromiss gelöst.

Musik 1: Antonio Vivaldi „Der Sommer“ Concerto g-moll RV 315”

Viele Sprachen und Kulturen gibt es unter den Christen in Deutschland – da ist es gar nicht so einfach, auch eine Einheit zu finden und zu leben. Eine Einheit, die ja auch das Anliegen Jesu war. Heute, am Sonntag vor Pfingsten, ist in den katholischen Gottesdiensten von der Einheit die Rede. Wie geht Einheit in einer Weltkirche mit unterschiedlichen Kulturen und Riten, mit Vielfalt unter den Menschen, unterschiedlichen Vorstellungen von Kirche, divergierenden Ansichten über die Bibel, menschlichen Schwächen und Skandalen, Streit und Spaltungen auf allen Ebenen der Kirche?

Heute wird in den katholischen Kirchen aus dem Johannesevangelium das sogenannte hohepriesterliche Gebet verkündet. Da heißt es: „Alle sollen eins sein.“ Und ich stelle mir wieder die Frage, ob es nicht mehr Traum als Wirklichkeit ist? Die Einheit ist beim Evangelisten Johannes zentrales Thema. Jesus betet zuerst für sich selbst, dann für den engsten Kreis um ihn herum und schließlich bittet er den Vater für alle, die an ihn glauben. Er sagt: “Heiliger Vater, ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ (Joh 17, 20-21) Immer mal wieder habe ich mich mit diesem hohepriesterlichen Gebet beschäftigt. Es steht nach den langen Abschiedsreden und vor der Passionsgeschichte Jesu. Jesus spricht von Einheit angesichts der Bedrohung seines Lebens und seines Lebenswerks.

Einheit Jesu mit dem Vater, Einheit der Christen untereinander, Einheit der Christen mit dem dreieinen Gott. Der Evangelist Johannes spricht das Thema Einheit erst an, als die Konflikte zwischen Jesus und seinen Gegnern ihren Höhepunkt erreicht haben, denn die Gegner wollen Jesus töten. Jesus ersehnt und erbittet Einheit von seinem Vater. Ich glaube, menschliche Anstrengungen kann keine Einheit erreichen, sie ist Geschenk Gottes. Weder pastorale Konzepte noch Synoden, weder Reformen oder Kirchengesetze können dauerhaft für Einheit sorgen. Einheit kann auch nicht „von oben“ angeordnet werden. Einheit erhalte ich da, wo ich auf Gott und seinen Willen vertraue. Was nicht heißt, dass ich als Christ nicht dazu aufgerufen bin, an der Einheit mitzuwirken.

Musik 2: Albrecht Mayer, Piagge serene

Es klingt vielleicht für manchen etwas fremd, aber: Für mich ist die Einheit – in der Kirche, mit meinen Mitmenschen – nichts, was ich herstellen muss. Die Einheit kommt für mich ganz stark von Gott. Mir hilft dabei das Bild von Bergsteigern. Die Bergsteiger werden mit einem Seil von einem erfahrenen Bergführer gesichert. Sie müssen ihm völlig vertrauen können, ihr Leben hängt von ihm ab. Ich glaube, eine solche Seilschaft ist gemeint, wenn der Evangelist Johannes von der gegenseitigen Einheit Jesu mit seinem Vater und der Einheit der Christen mit dem dreieinen Gott untereinander spricht. Eine Seilschaft soll entstehen, die auf Gegenseitigkeit beruht. Sie geht über die weltliche Seilschaft hinaus, denn es geht um das Eins-Werden mit Jesus und seinem Vater und unter den Menschen. Aber wie geht das jetzt in meinem Alltag?

Johannes macht in seiner Erzählung über das hohepriesterliche Gebet deutlich: Auf dem Weg zur Einheit soll ich auf Jesus hören, mitfühlen und emphatisch mit meinen Mitmenschen umgehen, immer wieder um die Einheit beten. Ich kann mich noch so sehr um die Einheit der Kirche bemühen, wenn diese nicht in der tiefen Einheit mit dem dreieinen Gott wurzelt und aus ihr Kraft schöpft, ist sie nicht tragfähig. Für mich ist auf dem Weg zur Einheit vor allem die vertikale Verbindung wichtig. Der Blick nach oben. Der Blick zu Gott. Wenn ich auf mich selbst schaue, ist da oft auch viel Uneinheitliches, wenig Einheit. Es gibt Stimmen in mir, die miteinander streiten, wie Verstand und Gefühl. Oft bin ich hin und her gerissen zwischen der Verantwortung für andere und dem Nutzen für mich selbst. In solchem Ringen fällt es mir dann oft gar nicht leicht zu erleben: Ich bin von Gott geliebt und zu spüren: Gott will in Einheit mit mir sein. Jede Schwäche, jede Zerrissenheit, jedes Defizit, jedes Scheitern, jede Misere und jede Angst lassen Zweifel in mir aufkommen: Schon in mir ist die Einheit schwer herzustellen – die Einheit der Christen oder die Einheit der Menschen untereinander: die ist, fürchte ich, dann noch schwieriger zu erreichen.

Musik 3: Albrecht Mayer „Voli per l’aria”, Allegro

Einheit herstellen! Das ist für mich zuallererst eine persönliche Sache – ich soll die Einheit in mir herstellen, mich bemühen, meine eigene Zerrissenheit zu überwinden – erst dann kann ich mich wirklich um die Einheit mit Gott und mit meinen Mitmenschen kümmern.

Der Weg zur Einheit ist ein anstrengender und langwieriger Weg und braucht selbst noch einmal göttliche Hilfe. Schon damals – zur Zeit Jesu und der ersten Christen - war offenbar die Einheit ein Problem und noch längst nicht erreicht. Das wusste schon Jesus selbst. Kein Wunder also, dass er seine Aufforderung von dem Eins-Sein in eine Bitte kleidet: „Heiliger Vater, ich bitte … für alle …“, beginnt er sein Gebet und zeigt damit, dass das Ziel der Einheit noch nicht erreicht ist. Die Bitte deutet an: Die Einheit ist ein größeres Ziel, auf das sich die Menschen zubewegen. Es geht um einen dynamischen Prozess zur Einheit, innerlich wie äußerlich. Und der beginnt im Menschen selbst in seinem inneren Streben zur Einheit mit Gott. Davon spricht jedenfalls der heilige Gregor von Nyssa schon im vierten Jahrhundert nach Christus (331-395): In seinen „Predigten zum Hohenlied“ beschreibt er den Weg der Angleichung des Menschen an Gott, die dann als die Voraussetzung der äußeren Einheit der Christen verstanden werden kann.

Gregor schreibt: „Es gibt nur eine Weise, die alle Vernunft transzendierende Macht“ (- das ist Gott) „ zu erfassen, nämlich nicht bei dem stehen zu bleiben, was man schon erfasst hat, sondern nicht aufzuhören mit dem dauernden Suchen nach mehr, als man bereits erfasst hat.“ Nach Gregor von Nyssa geht es also um einen fortdauernden dynamischen Suchprozess nach Gott. Und der beginnt mit und in mir. Für mich ist das eine Möglichkeit, Einheit zu stiften unter Christen: Es sind alles Menschen, die auf unterschiedliche Weise auf der Suche nach Gott sind. Es gibt eine Einheit der Gott-Suchenden. Und für mich geht diese Einheit auch über die Einheit der Glaubenden hinaus: Denn nach Gott suchen ja auch Menschen in anderen Religionen oder Menschen, die von sich noch sagen würden: Ich glaube nicht an Gott, aber ich bin auf der Suche nach ihm.

Musik 4: Robert Schumann, Träumerei op 15 

“Alle sollen eins sein …, damit die Welt glaubt!” – Die Fakten scheinen den Herzenswunsch Jesu zu verhöhnen. Wie soll die Welt zum Glauben finden, wenn die Christenheit teilweise so gespalten ist? Sollen die Christen nun diesen Herzenswunsch Jesu einfach beiseiteschieben? Soll er als eine Utopie aufgegeben werden?

Ich möchte diese Vision von der Einheit nicht aufgeben, selbst wenn mein Glaube manchmal noch so klein ist. Ich möchte dem Herzenswunsch Jesu glauben  und das bedeutet, dass ich meinen Blick auf die Fakten nochmal verändere. Es gibt sie nämlich, die überzeugend gelebte Einheit von Christen und Gott-Suchenden, auch wenn sie selten die Öffentlichkeit und kaum Schlagzeilen beherrscht: Es gibt die Eheleute und Familien, die unter widrigsten Umständen zusammenhalten und sich zusammenraufen. Es gibt die Gemeindemitglieder, die trotz verschiedenster kirchlicher Prägung und Herkunft miteinander „positiv streiten“ und den guten Kompromiss suchen. Es gibt die Theologen, die mutig, kritisch und selbstkritisch ihre Stimme erheben, trotz Drohung von oben und Schelte von unten. Es gibt die Menschen am Ort und in der Nachbarschaft, welche die Zusammenarbeit lebendig pflegen.

In einer Woche wird das Pfingstfest gefeiert. Und ich hoffe: Der Geist des Auferstandenen Jesus Christus sorgt selbst dafür, dass Jesu Herzenswunsch nicht untergeht. Wenn Christen auf der ganzen Welt beim Gebet um die Einheit der Christen nicht nur die Lippen bewegen, sondern auch das Herz, den Verstand, den Mut, die Phantasie – wer weiß, was dann alles geschehen könnte.

Musik 5: David Garrett, Giacomo Puccini „O mio Babbino caro“

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