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Ein Stück Bienenstich, das nach Befreiung schmeckt
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Ein Stück Bienenstich, das nach Befreiung schmeckt

Dr. Anke Spory
Ein Beitrag von

Dr. Anke Spory,

Evangelische Pfarrerin, Bad Homburg-Gonzenheim

Ein fast achtzigjähriger Mann erzählt mir, wie er das Kriegsende 1945 erlebt hat. Er war damals ungefähr sechs Jahre alt. "Da kamen de Amerikaner in unser Dorf", so erzählt er, "sie redeten etwas, was ich nicht verstand, aber ihr Blick war freundlich. Und dann", sagt der Mann, "gaben sie uns aus ihrem Wagen heraus ein Stück Bienenstich."
Allein so, wie dieser Mann das Wort "Bienenstich" sagt, konnte ich spüren: In diesem Stück Bienenstich war viel mehr enthalten als sonst in einem Stück Kuchen. Da blickte einer den damals Sechsjährigen an, mit freundlichem Gesicht, einem Grinsen auf den Lippen, in einer fremden Sprache; die Worte unverständlich, aber der Blick hatte etwas Vertrauensvolles. Irgendetwas war vorbei, wovon er seine Eltern immer wieder hatte sprechen hören, ohne dass er es richtig verstanden hatte. Das Stück Bienenstich war nicht nur aus Eiern und Mehl gemacht, sondern schmeckte nach Erleichterung, nach Freundlichkeit, nach einem Versprechen, dass sich jetzt etwas zum Guten ändert. Der Mann sagt: „An diesen Bienenstich kann ich mich bis heute erinnern.“

Das Stück Bienenstich war in dem Moment für den kleinen Jungen mehr, als ein lange entbehrter Genuss nach weichem, süßen Teig. Bis ins hohe Alter hinein ist es für ihn ein Sinnbild geblieben. Eine sinnliche Erfahrung von Hoffnung, der Aussicht auf Frieden, von Verheißung – das alles hat sich als Geschmack mit in dieses Stück Kuchen hinein gemischt.

Ich erzähle diese Geschichte manchmal meinen Konfirmanden, wenn wir über das Abendmahl sprechen. Ich erlebe das Abendmahl manchmal genau so. Ich esse ein Stück Brot, ich trinke einen Schluck Wein. Beides ist mehr als Weizen, der mit Wasser vermischt ist oder gegorene Trauben. In Brot und Wein kann ich Gottes Zuneigung schmecken. Ich kann spüren, dass Gott Schuld vergibt und ich an der Segenskraft Jesu Anteil habe. Dann kann ich versöhnt in meinen Alltag gehen.

Ich erinnere mich an ein besonderes Abendmahl. Es war in einer Gruppe von jungen Pfarrerinnen und Pfarrer. Wir waren gerade mit unserer Ausbildung fertig. Es war klar, in dieser Zusammensetzung würden wir uns nicht mehr begegnen. Wir haben zum diesem Abschied noch einmal Abendmahl gefeiert. Oft, wenn ich Abendmahl feiere, denke ich an diese Gruppe und stelle mir vor, wie einige an ganz anderen Orten gerade jetzt auch das Abendmahl feiern. Dann fühle ich mich verbunden mit ihnen.

Der Apostel Paulus hat das Abendmahl einmal eine geistliche Speise genannt. Geistliche Speise. Ich finde das einen schönen Ausdruck. Brot oder auch ein Stück Bienenstich können mehr sein als ein Mittel zum Sattwerden. Wir brauchen auch Nahrung für unsere Seele.

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