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Ein Hauch von Wahrscheinlichkeit
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Ein Hauch von Wahrscheinlichkeit

Michael Becker
Ein Beitrag von Michael Becker, Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel

Er konnte nur leise. Laute Töne gab es bei ihm nicht. Und todkrank war er auch, etwa seit seinem vierzigsten Lebensjahr. Der russische Schriftsteller Anton Tschechow (1860 – 1904) fragt immer nur eins: Wie sollen wir leben? Und erzählt von denen, die leben wollen und es nicht können; oder nicht gut können; oder falsch leben - was sie eines Tages bemerken. Als Tschechow 1901 schon berühmt ist, weiß er um seinen baldigen Tod. Und schreibt drei Jahre, bevor er mit 44 Jahren stirbt:

Man muß an Gott glauben, und wenn man den Glauben nicht hat, dann soll man an seine Stelle keinen Sensationsrummel setzen, sondern suchen, … einsam suchen, allein mit sich und seinem Gewissen.    
(aus einem Brief vom 17. Dezember 1901)

Eigentlich ist Tschechow Arzt von Beruf. Fromm ist er nicht, wie wir das oft nennen. Dafür ist er nachdenklich; und leise. Wer Menschen zusieht und nachdenkt, bemerkt viel. Tschechow bemerkt den Zwiespalt, in dem oft gelebt wird. Der große Anspruch - und der klägliche Alltag. Das macht ihn nachdenklich. Auch über sich. Die Welt versteht sich nicht von selbst, findet er. Das Leben auch nicht. Leben selbst ist nicht der Sinn des Lebens. Da muss mehr sein. Gott vielleicht. Etwas außerhalb der Welt, was Sinn gibt. Wer nicht weiß, muss suchen. Das gilt auch für Tschechow. Wichtiger als zu haben ist zu erkennen, zu entdecken. Immer neue Sensationen und Feste und Ablenkungen helfen da nicht viel. Da betäubt man sich eher, als man nachdenkt. Gott braucht leise Töne. Und kleine Fragen. „Was hat das, was ich erlebe, mit Gott zu tun?“, ist so eine Frage. „Habe ich mein Glück, meine Gesundheit, meine Kräfte eigentlich selbst gemacht?“, ist eine andere Frage. Oder die Krankheit - ist sie nur blindes Schicksal oder mehr?

Man darf sich der Welt nicht überlassen. Dann geht man unter, wird stumm. Leben heißt fragen, suchen. Sich erkennen. Sensationen machen eher taub. Fragen hellwach. Gott ist nie sicher, aber immer möglich. Und suchen kann man schließlich jeden Tag. Kein Tag versteht sich von selbst. Immer ist da auch ein Hauch von Wahrscheinlichkeit, als könne Gott beteiligt sein an dem, was mir heute widerfährt. Das klingt etwas keck, ist aber doch so. Wie wenig mache ich, wie viel wird mir gegeben. Da heißt es: suchen, still suchen, für sich suchen ohne laute Töne. Vielleicht … vielleicht ist Gott mir ja viel näher, als ich oft meine.

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