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Die Orgel: Behutsame Predigerin und Instrument des Jahres
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Die Orgel: Behutsame Predigerin und Instrument des Jahres

Stefan Wanske
Ein Beitrag von

Stefan Wanske,

Katholischer Pfarrer und Dekan, Friedberg
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Ich hab das Glück, das Instrument des Jahres 2021 regelmäßig live hören zu dürfen, sogar in Corona-Zeiten! Die Orgel! Auch in unserer Kirche steht eine, und sie erklingt fast zu allen Gottesdiensten. Außerhalb des Gottesdienstes wird dort an der Orgel sogar unterrichtet: Der Orgelnachwuchs übt an unserer Orgel.

"Das Instrument des Jahres"

In diesem Jahr ist die Orgel das „Instrument des Jahres“. Die Landesmusikräte wollen jedes Jahr die Aufmerksamkeit für ein anderes Instrument wecken. Ihre jetzige Wahl haben sie damit begründet, dass die Orgel ein komplexes musikalisches Wunderwerk aus Pfeifen und Tasten sei, das so leise wie ein Windhauch, aber auch lauter als ein ganzes Orchester klingen kann. Deshalb werde sie auch oft „Königin aller Instrumente“ genannt. (vgl. https://www.br.de/nachrichten/bayern/2021-das-jahr-der-orgel,SNpvK79)

Die Vielfalt der menschlichen Kultur

Seit 2017 sind der Orgelbau und die Orgelmusik in Deutschland bei der UNESCO sogar in die Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Damals hat das Gremium noch weitere 23 Traditionen als Immaterielles Kulturerbe anerkannt - unter anderem übrigens auch die Pizzabäckerei. Inzwischen umfasst die Liste knapp 400 verschiedene Traditionen. Alles Mögliche gehört dazu: Aus Tanz, Theater, Musik, Naturwissen und Handwerkstechniken. – Insgesamt ein imposanter Überblick über die Vielfalt der menschlichen Kultur.

Das ganze Jahr hindurch die passende Orgelbegleitung

In der Kirche begleitet uns ja in den Gottesdiensten die Orgelmusik wie selbstverständlich das ganze Jahr hindurch. Mir geht auch immer das Herz auf, wenn die Orgel in vollem Klang loslegt. Adventliche Besinnlichkeit, Hochzeitsfreude oder Getragen-Sein in der Trauer, all das wünschen sich viele Menschen in der Kirche auch von der passenden Orgelbegleitung unterlegt. Wahrscheinlich denken sogar Viele beim Wort „Kirchenmusik“ zuallererst ans Orgelspiel.

„Gelobt sei Gott im höchsten Thron“

Ich möchte heute, an diesem Sonntag vier Wochen nach Ostern, die Morgenfeier der Orgel widmen und habe auch die Musik danach ausgesucht. Beginnen möchte ich mit einem Osterlied: „Gelobt sei Gott im höchsten Thron.“ Sie hören eine Aufnahme mit Orgel und Gemeinde aus der Stadtpfarrkirche in Mühldorf am Inn.  

Musik 1: „Gelobt sei Gott im höchsten Thron“ (Gemeinde und Orgel); CD: Christ ist erstanden. Wünschelburger Edition (LC 00147 / WBE 53003), Track 19, 01:31

In den letzten Monaten ist mir das noch einmal besonders deutlich geworden: Seit pandemiebedingt im Gottesdienst der Gemeindegesang nicht möglich ist, hat für mich die Orgelmusik noch mehr an Bedeutung gewonnen.

Schon mein ganzes Leben lang begleitet sie mich

Aber auch sonst merke ich: Eigentlich hat mich die Orgelmusik auf meinem Glaubensweg schon mein ganzes Leben lang begleitet

Wenn ich in meiner oberhessischen Heimat als Kind meinen Opa zu seinem Küsterdienst in die Kirche begleitet habe, dann war manchmal auch schon der Organist zum Üben da. Ich habe ihm gern zugehört. Wenn der Opa mal nicht hinsah, konnte ich mich manchmal auf die Empore schleichen und Herrn Renner beim Orgeln an dem beeindruckenden Spieltisch mit den vielen Tasten und Schaltern zugucken. Hin und wieder durfte ich mich sogar auf der Orgelbank neben ihn setzen und alles aus der Nähe beobachten.

Der ungewöhnliche Wunsch

Als ich mit 9 Jahren zur Erstkommunion gegangen bin, hab ich mir deshalb zu diesem Tag als Geschenk für meinen Kassettenrecorder Orgelmusik gewünscht. Bei den Erwachsenen hat das entweder Erstaunen oder Heiterkeit ausgelöst, die ich mir damals nicht ganz erklären konnte. Heute kann ich mir natürlich vorstellen, dass dieser Wunsch meinen Taufpaten recht ungewöhnlich erschien: bis dorthin hatte ich die üblichen Kinderschallplatten gehört, „Biene Maja“ oder „Räuber Hotzenplotz“.

Die Kassette habe ich heute noch

Es gab aber ein Orgelstück, das ich schon länger besonders toll fand. Herr Renner spielte es bei uns auf dem Dorf in der Kirche öfter. Wie es hieß, wusste ich da natürlich noch nicht, aber ich konnte den Anfang vorsummen. Meine Mutter kannte die Melodie. Es war das Choralvorspiel zu „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ von Johann Sebastian Bach. Die Kassette habe ich noch heute: „Deutsche Grammophon. Toccata und Fuge. Karl Richter an der Orgel der Jaegersborg-Kirche bei Kopenhagen.“ Hier ist das Stück von Bach, in einer Aufnahme mit Helmut Walcha an der Silbermann-Orgel von Saint-Pierre-le Jeune in Strasbourg.  

Musik 2: Johann Sebastian Bach:„Wachet auf, ruft uns die Stimme“, BWV 645; CD: CD 11/12 „Bach – The Organ Works“ von Helmut Walcha, Label Archiv Produktion Polydor International GmbH (463 719-2), Track 5, 04:11 

Ich finde es immer ganz interessant, Freunde und Bekannte zu fragen: Kannst Du Dich eigentlich noch an Deine erste Schallplatte erinnern? Bei mir war es dieses Choralvorspiel, das ich mir vor bald vierzig Jahren auf einer Cassette gewünscht habe. Noch heute freue ich mich, wenn ich als Pfarrer einen Gottesdienst feiere und es überraschend von der Orgel zu hören ist.

Die wichtige Rolle der Musik in der Jugendzeit

Wissenschaftliche Studien zeigen heute: Lebenserinnerungen von Menschen sind häufig mit Musik verbunden.  Ein Tag im Urlaub am Meer wird im Alltag noch nach Jahren wieder lebendig, wenn mir die Musik wiederbegegnet, die von der Strandbar herübergeschallt ist.  Musikpsychologen wissen: Es gibt so eine „autobiografische Musikerinnerung“. Und die, so erklären sie, reift besonders in der Jugendzeit heran. Da spielt die Musik eine wichtige Rolle, wenn wir unsere Identität ausbilden. 

Mich hat dabei neben manchem anderen besonders die Orgelmusik geprägt. Die Lieder, die ich in der Gemeinde gesungen hab, und die Orgelmusik, das war für mich genauso wichtig wie manche Lesung aus der Bibel oder manche Predigt, um den Glauben zu entdecken und der Frage auf die Spur zu kommen, welche Rolle Gott in meinem Leben spielt.

Gottesglaube dargestellt in "Tönen und Klangfarben"

Michael Prätorius, der als Kirchenkomponist und Hofkapellmeister am Beginn des 17. Jahrhunderts in Wolfenbüttel lebte, hat das so beschrieben: „Es ist und bleibet Gottes Wort, das mit der Stimme gesungen, auf Instrumenten geschlagen und gespielet wird.“ 

Mich fasziniert es, dass die großen Meister der Kirchenmusik versucht haben, mit ihren Tönen und Klangfarben von Gott und von ihrem Glauben zu erzählen. Noch einmal anders und tiefer als im gesprochenen Wort spür ich in der Musik Sorgen und Ängste, Sehnsucht oder auch Zuversicht und Freude.

Das Gebet in der Sprache der Musik

Die „Sonata Al' Postcommunio“ von Giambattista Martini ist für mich so ein Gebet in der Sprache der Musik. Martini lebte und komponierte im frühen 18. Jahrhundert als Franziskanermönch und Kapellmeister in Bologna.

 „Padre Martini“, wie er genannt wurde, schrieb die Sonate für die Zeit des stillen persönlichen Betens im Gottesdienst, wenn die Gläubigen unter der Gestalt des Brotes den Leib Christi empfangen haben. Ganz ohne Worte gelingt es ihm, Trompete und Orgel von der Freude über Gottes Nähe und die geistliche Mahlgemeinschaft mit Christus und untereinander sprechen zu lassen.

Musik 3: Giambattista Martini: „Sonata al’ Postcommunio für Trompete in C und Orgel“. CD Virtuose Trompetenmusik des Barock. Bernhard Kratzer / Monika Nuber”, Label Fermate (FER 20 001), Track 05, 02:57

Die Pfeifenorgel und ihr Klang der kirchlichen Zeremonie

Musik als Gebet: Eine große Auswahl an Orgelliteratur quer durch die letzten fünf Jahrhunderte zeugt davon, wie sehr das Instrument bis heute zur christlichen Kultur gehört. Das Zweite Vatikanische Konzil, die große katholische Kirchenversammlung in Rom, sagte vor fast 60 Jahren in der „Konstitution über die heilige Liturgie“: „Die Pfeifenorgel soll in der lateinischen Kirche als traditionelles Musikinstrument in hohen Ehren gehalten werden; denn ihr Klang vermag den Glanz der kirchlichen Zeremonie wunderbar zu steigern und die Herzen mächtig zu Gott und zum Himmel emporzuheben.“

Nicht nur die besonders Frommen...

Mag sein, dass sich damals die Kirchenversammlung der Bischöfe etwas schwärmerisch ausdrückt, aber es stimmt schon: Gerade die Orgel rührt die Menschen, damals wie heute, auf eine ganz eigene Weise an, und zwar nicht nur die besonders frommen.

Ich staune öfter darüber, wie gut Orgelkonzerte oft besucht sind. Und auch Kirchen, die tagsüber zur stillen Einkehr für eine Atempause im Alltagsbetrieb einladen, üben eine zusätzliche Anziehungskraft aus, wenn gerade jemand darin an der Orgel übt. – Das sehe ich bei uns in Friedberg und anderswo immer wieder. Viele kommen dann von der Straße herein und hören einen Moment zu.

Orgelspielen...eine Quelle zur Erfrischung des Geistes

Helmut Schmidt, der frühere Bundeskanzler, der selbst Orgel spielen konnte, sagte mal: „Bei aller beruflich verursachten hektischen Betriebsamkeit ist für mich das Orgelspielen oft eine Quelle zur Erfrischung von Geist und Gemüt – genauso wie Johann Sebastian Bach gesagt hat.“

Und Literaturnobelpreisträger Peter Handke, in seiner Schulzeit kirchlich sozialisiert, aber gewiss eher kritisch zu Kirche und Glauben eingestellt, schrieb 1977: „Orgelmusik: Vorstellung, es müsste doch etwas geben, das der Grund dieses Klanges wäre; diese Musik kann nicht für sich, aus sich entstanden sein; sie erzeugt die Vorstellung eines höheren Wesens, das ich mir sonst nicht denken kann.“

"Die behutsame Predigerin"

Ich finde, beide Stimmen geben unserem verstorbenen Bischof Kardinal Lehmann recht, der die Orgel mal als eine „behutsame Predigerin“ bezeichnet hat, die „tiefer in das Geheimnis Gottes hineinführen kann.“

Behutsam, nicht nur laut und triumphal: So ist die Orgel als Predigerin im Gottesdienst zu erleben, aber auch in Konzerten. Antonio Vivaldi hat ihren Klang in seinen Konzertwerken, die gar nicht für die kirchliche Liturgie, sondern für das venezianische Konzertpublikum seiner Zeit gedacht waren, mit den zarten Klängen seiner Streichorchester verbunden. Hier ist sein „Allegro“ aus dem „Konzert für Violine, Orgel, Streicher und Basso continuo in c-moll“.

Musik 4: Antonio Vivaldi: Allegro; aus: „Konzert für Violine, Orgel, Streicher und Basso continuo in c-moll“ (RV766). CD: Vivaldi. The masterworks (CD 9/25), Musica ad Rhenum / Marcello Bussi, Label ClassicMania (LC 92905/9); Track 15, 02:21

Die Pfeifenorgel ...wie ein Chor mit vielen Stimmen

Für mich kann dieses Zusammenspiel von Orgel und Streichorchester auch ein schönes Bild sein für das Zusammenspiel von Kirche und Gesellschaft. Die Orgel mit ihrem Kirchenklang kann sich in das vielfältige Orchester der Welt einbringen, zurückhaltend, aber deutlich – und der Zusammenklang der beiden wirkt auf mich ganz wunderbar. Zugleich bietet die Orgel selbst schon eine Vielfalt von Klängen, mit ihren vielen Pfeifen ist sie wie ein Chor aus einer Vielzahl an Stimmen.

Musik...das wunderbare Geschenk

In der Schlussmusik von Louis-James-Alfred Lefébure-Wély ist dieser vielfältige Klang schwungvoll mit tänzerischer Leichtigkeit zu hören. Und auch das kirchliche Gebet zur Weihe einer neuen Orgel, mit dem ich schließen möchte, spricht davon:

Gott der Freude, du hast den Menschen in der Musik ein wunderbares Geschenk gegeben. Der Klang dieser Orgel wecke in uns die Freude, dass wir Kinder Gottes sind. Er erinnere uns daran, dass Dein Wort Frohe Botschaft ist und stärke in uns die Hoffnung auf die unvergängliche Freude. Wie die vielen pfeifen sich in einem Klang vereinen, so lass uns als Glieder deiner Kirche in gegenseitiger Liebe verbunden sein, damit wir einst mit allen Engeln und Heiligen in den ewigen Lobgesang deiner Herrlichkeit einstimmen dürfen.  

Musik 5: Louis-James-Alfred Lefébure-Wély: Sortie B-Dur, CD „Lefébury-Wély: Organ Works“, Ben van Osten, Label Musikproduktion Dabringhaus und Grimm (LC MDG 316 1278-2), Track 14, 04:02

 

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