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Die Narben auf Gottes Ebenbild
Bildquelle Pixabay

Die Narben auf Gottes Ebenbild

Dr. Ursula Schoen
Ein Beitrag von

Dr. Ursula Schoen,

Prodekanin, Evangelisches Stadtdekanat Frankfurt

Ich stehe in einer Ausstellung vor einem großen Holzkopf. Sein Gesicht wirkt verschoben und verrückt. Die Augen stehen nicht auf einer Achse. Das rechte Ohr ist hochgerutscht. Der Mund sieht aus wie eine Treppenstufe. Kein schöner Kopf. Er gehört zu einer Sammlung von Plastiken, die sich alle ähneln. Der algerische Künstler Kader Attia hat sie geschaffen. Seine Vorlage waren Fotos von Soldaten. Die Männer hatten im Ersten Weltkrieg schwerste Verletzungen erlitten. Ihre Gesichter waren für immer zerstört. Der Künstler will mit seinen Holzköpfen Narben und Verletzungen zeigen, die sich nicht mehr heilen oder verdecken lassen. Sie bleiben immer sichtbar. Seine großen Köpfe stehen nicht nur für die Kriegsversehrten, sondern für alle Opfer von Gewalt.

So schrecklich sie anzusehen sind, ich kann mich von diesen Gesichtern nicht losreißen. Immer wieder sehe ich etwas anderes, ein neues Detail. Je länger ich hinschaue, desto mehr verändern sie sich. Immer wieder entstehen aus den Fragmenten neue Gesichter. Für Sekunden erahne ich, wie diese Gesichter früher gewesen sind. Ein harmonischer Anblick. Bilder von den Männern, wie sie einmal waren, vital und stark. Vielleicht ist es ihren Frauen und Geliebten auch so ergangen.

Manchmal war das alte Bild wieder da war, wenn sie zärtlich tastend mit ihren Fingern an den Narben entlang glitten. Natürlich konnten sie den Krieg und seine Verletzungen nicht ausblenden. Aber hinter den Narben fanden sie den Partner, den Geliebten.

Der Apostel Paulus schreibt in der Bibel: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin" (1. Korinther 13,12). Paulus beschreibt die Erfahrung: Die Wirklichkeit eines Menschen geht weit über das hinaus, was die Augen sehen und die Hände spüren. Sie ist sogar mehr als die Erinnerung an einen Menschen, wie er früher war. Sie ist eine Wirklichkeit, die nur Gott selbst schaffen kann. Sie geht über die Zeit hinaus in die Ewigkeit. Gott selbst nimmt sich des Menschen in seiner Verletzlichkeit und Endlichkeit an. Wenn Gott uns ansieht, dann scheint auf, wozu wir berufen sind: zur Vollkommenheit und zur Würde als Gottes Ebenbilder.

Im Krankenhaus, im Hospiz, aber auch in der Eheberatung oder Suchthilfe erlebe ich, wie diese Hoffnung trägt. Krankheit, Alter, Krisen und Abhängigkeiten graben sich in unsere Gesichter ein. Kein Mensch geht unversehrt durchs Leben. Irgendwann tragen wir die Spuren und Narben auf dem Körper und auf der Seele. Keiner kann das alte Leben wiederherstellen, das Rad der Geschichte zurückdrehen. Unter Gottes Blick fällt aber ein anderer Glanz auf uns. Er zeigt, wer wir waren, wer wir sind und wer wir sein können. Nie sind wir fertig. In der Bibel heißt dieser Blick Gottes Liebe.
 

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