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Die Kunst, Bruchstücke zu vergolden
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Die Kunst, Bruchstücke zu vergolden

Dr. Peter-Felix Ruelius
Ein Beitrag von

Dr. Peter-Felix Ruelius,

Leiter ZB Christliche Unternehmenskultur & Ethik bei der BBT-Gruppe, Koblenz
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Was will man mit einer alten Porzellantasse, wenn sie zerbrochen ist? Klar, sie war schön. Aber wozu sollte man sie notdürftig reparieren, wenn man sie hinterher doch nicht benutzen kann? Am besten also weg damit? Schon vor ein paar hundert Jahren hat man in Japan eine Kunst erfunden, die einen anderen Weg geht. Diese Kunst heißt Kintsugi. Wertvolles Porzellan, das zerbrochen ist, wird aufwendig repariert. Besonders dabei ist, dass die Bruchstelle vergoldet wird. So durchzieht eine goldene Ader das reparierte Gefäß und gibt dem wertvollen Stück einen neuen Charakter.

Die Bruchlinien vergolden: Wenn man das auch im eigenen Leben könnte! Private oder berufliche Übergänge, die nicht gelungen sind, Abschiede von Menschen, misslungene Beziehungen. Verluste, Trauer, Scheitern und Brüche gibt es in vielen Lebensgeschichten. Wer davor bewahrt bleibt, hat vielleicht ganz einfach Glück gehabt. Wem allerdings etwas zerbricht im Leben, der muss mit diesem Bruch weiterleben. Das ist oft schwer. Vergessen? Zukleistern? Abhaken?

Zwischen Zukleistern und Vergolden besteht ein wesentlicher Unterschied. Der hat für mich mit dem Geist Gottes zu tun. Es ist ganz schön schwer zu begreifen, warum im Christentum Gott auch als Heiliger Geist gedacht wird. In den biblischen Beschreibungen der Gaben des Heiligen Geistes oder der sogenannten Charismen steht ausdrücklich die Gabe der Heilung. Und in der mittelalterlichen Anrufung des Heiligen Geistes findet sich die Bitte: „Heile, was verwundet ist“. Meine Perspektive darauf ist: Aus eigener Kraft gelingt es mir oft gar nicht, die kleineren Brüche und Absplitterungen im Leben zu akzeptieren, sie als Teil meines Lebens zu sehen und anzunehmen. Ich kann vieles bestenfalls zukleistern. Wenn es mir auch nur ansatzweise gelingt, die Brüche meines Lebens zu vergolden, das heißt: Sie als wertvollen und wichtigen Teil meines Lebens anzusehen, dann kann es sein, dass gerade darin etwas vom Geist Gottes spürbar wird. Er gibt mir zu verstehen: Du bist besonders wertvoll, Mensch, mit allem, was dein Leben enthält, was gelungen, was ganz geblieben und auch mit dem, was zerbrochen ist.

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