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Der Gruß des Grauens
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Der Gruß des Grauens

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Da geht er, der junge Mann. Ich sehe ihn im Fernsehen. Anfang zwanzig, feste Schuhe, keine Haare, das Gesicht angespannt, der Mund offen. Die rechte Hand streckt er steil nach vorne. „Heil Hitler“, soll das heißen. Und ich fürchte mich. Vor seiner vielleicht lauten Stimme, der Kampfeslust. Wie leicht ihm das fällt, dieses „Heil Hitler“, der Gruß des Grauens. Er will wohl allen Angst machen, die anders denken. Weiß er denn nicht, was er da tut? „Heil Hitler“ zu rufen, den Ruf des Blutes und der Vernichtung? Wer geht zu ihm und sagt ihm, was das bedeutet mit Hitler und dem Nationalsozialismus. Das war kein Heil. Da war nur Unheil, Grauen. Das waren Überfälle in Europa. Millionen Tote und Verwundete. Trümmer in Kassel und Frankfurt, in Dresden und Chemnitz. Wie kann man da „Heil“ rufen, den Ruf des Schreckens.

Ich weiß es nicht, offen gesagt. Es gab nichts Gutes im Dritten Reich. Nur Blut und Lager und Verfolgung. Selbst die lautesten Hitlerfreunde kamen ums Leben. Wie kann man das wieder haben wollen?, würde ich den jungen Mann fragen. Wie kann man gegen Juden brüllen, das große Kulturvolk? Wer sagt das dem jungen Mann, wenn nicht die Alten, die alles erlebt haben - oder die Trümmer gesehen haben wie ich. Gott, schenke uns doch Einsicht, Vernunft, Bildung. Und nutze uns alle dazu, damit unser Land nicht zerfällt in Gleichgültigkeit und Hass am Tag der Einheit. Nicht gegeneinander brüllen, sondern miteinander sprechen. Achtsam sein zueinander. Jeder für jeden, nicht gegen andere. Damit wirklich Heil wird - und wir heil bleiben.

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