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Das Prinzip Würde
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Das Prinzip Würde

Stephan Krebs
Ein Beitrag von

Stephan Krebs,

Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt
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Der Countrysänger Johnny Cash tat, was vor fünfzig Jahren skandalös war. Er trat in einem Gefängnis auf, dem Folsom State Prison in Kalifornien. Das Konzert fand in einem engen und niedrigen Raum ohne Fenster statt. Nackte Neonröhren gaben kaltes Licht. Doch es ging heiß her. Da saßen lauter Männer. Böse Jungs, die die Gesellschaft weggesperrt hatte und an die niemand gerne dachte. Entsprechend ausgehungert waren sie nach Zuwendung. Als Johnny Cash 1968 zu ihnen kam, da waren die Männer außer sich, eine Stimmung zum Bersten. 

Johnny Cash war der erste Popsänger, der ins Gefängnis ging für ein Konzert. Es passte zur Aufbruchstimmung dieser Jahre. Dabei war er selbst politisch eher konservativ. Aber Johnny Cash hatte Drogen genommen und Tabletten geschmuggelt, saß deshalb selbst sogar ein paar Tage im Gefängnis. Er stammte aus einer armen Kleinfarmerfamilie. Er kannte das Milieu, aus dem die meisten Männer stammten, die in den USA im Gefängnis landen. 

Was immer ihn zu diesem Konzert antrieb, er lebte damit einen urbiblischen Impuls: Die in den Blick zu nehmen, die am Rande stehen, die übersehen werden, die Zuwendung und Hilfe brauchen: das Prinzip Würde. Jesus hat es so ausgedrückt: 
Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. Denn: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. (Matthäus 25,31ff.)

Diese Worte beschreiben das Prinzip Würde. Von diesem Prinzip geht eine doppelte Botschaft aus. Die erste geht an alle: Im Bedürftigen kannst du Jesus Christus begegnen, behandle ihn so. Die zweite Botschaft richtet sich an die Betroffenen selbst, an die, die nicht mit Erfolgen punkten können, die gescheitert oder hilfsbedürftig sind. Ihnen sagt Jesus: Ihr habt dennoch eure Würde und eure Aufgabe, denn auch ihr seid mein Gesicht.

Diese zentrale Einsicht des Christentums versuchen viele Christen in ihrem Alltag umzusetzen. Deshalb gehören zu den Kernaufgaben der Kirchen Gefängnis-Seelsorge, die Betreuung Vereinsamter und die Flüchtlingshilfe. Wer das Prinzip Würde aktiv lebt, wird reich beschenkt. Denn wenn man etwas gibt, bekommt man meist auch etwas zurück. 
Das kann einen allerdings auch überfordern: Manchmal ist die Not zu groß. Deshalb kann man nicht immer allen gerecht werden. Doch das darf nicht zum Argument werden, gar nichts zu tun. Man kann tun, was möglich ist. 

Zurück zu Johny Cash. Sein Konzert mit den Gefängnisinsassen war in jeder Beziehung ein Erfolg. Cash hatte es aufgezeichnet: seine Musik und die Begeisterung seiner Zuhörer. Unter dem Titel „At Folsom Prison“ kam es als Album heraus. Damit gab Johnny Cash den Menschen im Gefängnis Gesicht und Stimme. Er konnte mit dem Erlös seine Steuerschulden bezahlen. Zugleich sendete er ein Signal in die Gesellschaft: Schaut zu denen, die in den dunklen Ecken leben. Auch sie sehnen sich nach Zuwendung. Auch sie haben etwas zu geben, denn in ihnen kann man Gott begegnen.
 

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