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Als die Schritte fester wurden
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Als die Schritte fester wurden

Michael Becker
Ein Beitrag von Michael Becker, Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Sie zittert. Und weiß das. Die eine Hand zittert an der Krücke, die andere am Rollkoffer. Am meisten aber zittert ihre Seele. Anja ist Ende fünfzig und auf dem Weg zur Klinik. Gleich hält der Bus dort. Morgen ist die Operation. Eine neue Hüfte. Sehr früh im Leben. Es geht nicht mehr. Und Anja zittert. Der Bus hält jetzt.

Ein junger Mann will auch aussteigen. Er kommt von hinten im Bus. Große Kopfhörer über den Ohren. Während er wartet, wippt er auf den Beinen. Plötzlich nicht mehr. Er sieht Anja. Und nimmt die Kopfhörer ab. Die Tür vom Bus öffnet sich. Anja ist unsicher. Wenn die Seele zittert, zittert alles.

Man hat sich nicht mehr im Griff. Jeder Schritt ein Schrecken. Rechts die Krücke, links der Rollkoffer. Moment, sagt der junge Mann, ich helfe ihnen. Anja atmet tief. Gut, denkt sie nur. Und schaut den Mann an. Wie jung der ist. Er hält Anjas Arm fest. Der Schritt aus dem Bus gelingt. Wo soll’s denn hingehen, fragt der Mann. Eigentlich weiß er es schon. Hier ist ja kaum mehr als die Klinik. Bestimmt zum Krankenhaus, sagt er. Ich gehe mit ihnen. Er sagt es einfach. Und tut es. 

Anja fühlt sich besser. Das Zittern lässt nach. Es ist nicht weit zur Klinik. Ihre Schritte werden fester, findet sie. Beim Gehen erzählt sie. Vom Leben mit alter und neuer Hüfte. Und der Nachbarin, die heute keine Zeit hat. Also alleine, denkt Anja. Nun aber doch nicht. Sie bedankt sich, als sie an der Pforte ankommen. Der junge Mann geht, dreht sich aber noch einmal um und winkt; die Kopfhörer schon auf den Ohren. Anja lehnt an der Tür. Muss erst zu Atem kommen. Dabei sieht sie dem Mann nach. Wie er zur Musik wippt beim Gehen. Beschwingt. Ohne Sorgen, scheinbar. Wie sie früher. Und freundlich war er, so selbstverständlich. Als habe Gott sie gestreift.

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