Trennungsgedanken im Advent

Trennungsgedanken im Advent

Martin Vorländer
Ein Beitrag von Martin Vorländer, Evangelischer Pfarrer und Rundfunkbeauftragter für den hr, Frankfurt

Noch drei Wochen bis zum Geburtstermin, und dem werdenden Vater geht es überhaupt nicht gut. Ihn quält nicht die Verantwortung, die jetzt auf ihn zukommt. Es ist viel schlimmer. Er ist sich nicht sicher, ob er überhaupt der Vater des Kindes ist. Und noch schlimmer: Eigentlich weiß er, dass er nicht der Vater sein kann.

Was soll er tun? Seiner Frau eine Riesen-Szene machen? Er liebt sie. Er will sie nicht anschreien, schon gar nicht jetzt, so kurz vor der Geburt. Auch wenn es komisch klingt: Er will das Beste für sie und für das Kind. Aber er will auch nicht treudoof als der Betrogene neben der Wiege stehen.

Er hat schon viel zu lange nichts gesagt und seine Gefühle nur mit sich selbst ausgemacht. Er muss endlich eine Entscheidung treffen – schnell. Er beschließt: Ich verlasse meine Frau ohne großes Tamtam. Sie kann zu ihrer Familie gehen. Die wird sich um sie kümmern. Vielleicht kriegt es keiner mit, und so kommen wir beide einigermaßen heil aus der Geschichte raus. In der Nacht hat er einen seltsamen Traum. Er träumt von einem Engel, der ihm sagt: Hab keine Angst, bei deiner Frau zu bleiben! Es hat schon alles seinen Sinn. Hab Vertrauen!

Was macht man mit so einem Traum? Am Morgen den Kopf schütteln und ihn als Träumerei abtun? Der Mann mit den Trennungsgedanken im Advent nimmt den Traum ernst. Er bleibt bei seiner schwangeren Frau. Er steht ihr bei der Geburt zur Seite und zieht das Kind mit ihr auf, auch wenn es nicht seines ist. Der Mann heißt Josef, seine Frau Maria. Von dem Kind sagen später die Leute: Es ist Gottes Sohn.

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