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Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen
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Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen

Guido Hepke
Ein Beitrag von

Guido Hepke,

Evangelischer Pfarrer, Weilburg

„Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen! Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten!“ Mit diesen Worten gab Adolf Hitler im Berliner Reichstag seinen Angriffsbefehl auf Polen bekannt. Das war heute vor 77 Jahren. Mit dem Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg.

Erinnern ist wichtig. Auch nach mehr als 70 Jahren. Gerade heute, weil nur noch wenige Zeitzeugen leben. Denn Frieden und Verständigung sind keine Selbstläufer. Wer vergisst, wie schrecklich Krieg ist, setzt sich weniger für den Frieden ein. Aber wir brauchen Friedensstifter. Hitler damals inszeniert seinen Angriffskrieg als Verteidigungsaktion. In seiner Reichstagsansprache verweist der Diktator auf einen angeblichen polnischen Überfall. Soldaten des Nachbarlandes hätten auf deutschem Staatsgebiet den Sender Gleiwitz angegriffen, behauptet Hitler. Eine Propagandalüge, denn tatsächlich hatte die SS KZ-Häftlinge in polnische Uniformen gesteckt und auf dem Gelände des Senders erschossen.

Schon in der Nacht eröffnet das deutsche Linienschiff „Schleswig-Holstein“ das Feuer auf die Westerplatte bei Danzig. Ein Bomberverband legt die Kleinstadt Wielun in Zentralpolen in Schutt und Asche. Die Einwohner werden im Schlaf überrascht, Hunderte kommen ums Leben. Bodentruppen überrennen die polnische Westgrenze – ohne Kriegserklärung. Schon die ersten Stunden machen deutlich: Hitler, seine Wehrmacht und die SS führen Krieg nach eigenen Regeln. Menschenrechte haben da keine Chance. Gleichzeitig versucht der Diktator über die Medien, sein Handeln in ein positives Licht zu rücken.

Zunächst geht diese Taktik auf: Großbritannien und Frankreich rufen zwar den Bündnisfall aus. Sie erklären Deutschland den Krieg, aber sie greifen nicht ein. Während im Osten die deutsche Wehrmacht mordend und plündernd durch das Nachbarland zieht, schauen die Westmächte zu. Erst 1940 weitet sich der Krieg aus und erfasst bald große Teile der Welt. Mehr als 60 Millionen Menschen kostet dieser Krieg das Leben.

Der Sturm, den Hitler-Deutschland mit seinem verbrecherischen Angriffskrieg angezettelt hat, kehrt schließlich als Orkan zurück. Am 8. Mai 1945 muss Nazi-Deutschland bedingungslos kapitulieren. Doch nicht das Ende dieses Krieges ist eine nationale Katastrophe, sondern der Beginn. 1945 ist unser Land von der Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus befreit worden. Und viele Menschen damals sagten: „So etwas Furchtbares wie diesen Krieg darf es nie wieder geben. Weder in Deutschland noch anderswo!“ Sie haben Deutschland als Teil der Europäischen Gemeinschaft wieder aufgebaut. Als Charles de Gaulle und Konrad Adenauer zusammentrafen, haben sie gezeigt: Frieden und Verständigung sind möglich.

Jesus hat einmal gesagt: „Selig sind die Friedensstifter. Denn sie werden Kinder Gottes heißen.“ (Matthäus 5,9) Und er meint damit: Froh sind die Menschen, die sich für den Frieden einsetzen. Glücklich sind die, die sagen: Nie wieder Krieg. Jesus sagt nicht: Selig werden die Friedensstifter sein. Oder: Selig sollen sie sein. Jesus verwendet den Indikativ: Selig sind die Friedensstifter. Wer sich für den Frieden einsetzt, hat schon jetzt etwas davon. Ihm oder ihr geht es jetzt gut.

Genau dafür gibt Jesus auch einen Grund an: Jeder Friedensstifter ist so eng mit Gott verbunden – wie gute Eltern und ihre Kinder. Das heißt: Wir sind nicht allein bei unseren kleinen und großen Friedensbemühungen. Gott steht uns zur Seite. Wir brauchen nach wie vor Menschen, die Nein sagen zu nationalistischen Parolen. Wir brauchen mehr denn je Menschen, die sich kümmern um Flüchtlinge. Ich habe höchsten Respekt vor denen, die Diktatoren heute mutig entgegentreten. Wir brauchen auch heute Friedensstifter.

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