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Schlüsselerlebnisse – was ist wirklich wichtig?
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Schlüsselerlebnisse – was ist wirklich wichtig?

Stephanie Rieth
Ein Beitrag von

Stephanie Rieth,

Katholische Pastoralreferentin, Bischöfliches Priesterseminar St. Bonifatius Mainz
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Ein neues Jahr fängt an – und ich freue mich auf all das Neue darin. Aber manches Wohlvertraute aus dem alten Jahr nehme ich natürlich auch mit in das neue. Eine ganz persönliche Marotte zum Beispiel: Ich suche mindestens einmal täglich meinen Schlüssel. Vielleicht kommt Ihnen das ja bekannt vor, denn ich bin sicher: Ich bin mit dieser täglichen Schlüsselsuche nicht alleine. Wir haben einen Schlüsselkasten, in den ich meinen Schlüssel problemlos hineinhängen könnte, wenn ich die Tür hereinkomme. Aber viel zu oft habe ich alle Hände voll mit Einkäufen, Jacken oder Taschen und was sich sonst noch so im Auto befindet. Der Schlüssel klemmt irgendwo dazwischen und landet dann auf dem Tisch, auf dem noch so manches andere liegt, fällt auf den Boden oder er rutscht– was ganz fies ist – in eine der Taschen hinein. Was habe ich schon Zeit mit Suchen verbracht.

Normalerweise finde ich ihn dann irgendwann wieder. Meistens bin ich am Ende ziemlich genervt und nehme mir vor: Beim nächsten Mal hänge ich den Schlüssel ganz sicher in den Kasten. Tatsächlich habe ich mir das auch schon oft für ein neues Jahr vorgenommen, natürlich etwas grundsätzlicher: Mehr Ordnung halten, sich stärker auf die Dinge konzentrieren, die ich gerade jetzt zu tun habe, dann würde manches leichter gehen. Aber wie das so ist mit den Vorsätzen: Bis zum nächsten Mal, wenn ich zur Tür reinkomme, ist das längst wieder vergessen oder ich habe wieder die Hände voll und lege den Schlüssel irgendwo ab.

Im letzten Herbst wäre mir das fast zum Verhängnis geworden. Ich musste ganz früh auf eine Dienstreise. Es war spät am Abend vorher. Ich wollte nur noch schnell alles zurechtlegen, damit alles griffbereit ist, wenn ich morgens das Haus verlasse. Wieder einmal war er weg, der Schlüssel. Und ich würde ihn dringend brauchen, da ist mein Dienstschlüssel dran und ohne den würde ich nicht zum Treffpunkt gelangen. Und außerdem: Ich kann ja nicht wegfahren, wenn der Schlüssel fehlt – der könnte ja überall sein. Zwei Stunden habe ich in der Nacht gesucht, aber er blieb verschwunden, einfach weg. Dabei habe ich an allen Stellen geschaut, wo ich ihn schon einmal gefunden habe. Ich habe alle Möglichkeiten durchdacht und abgesucht – nichts. Das große Tor, durch das ich hindurch muss, würde also morgen verschlossen bleiben. Ich kann ja schließlich niemanden rausklingeln, morgens um halb fünf. Zum Glück hat sich mein Mann jeden Kommentar gespart. Ich war schon sauer genug über mich selbst und habe entsprechend schlecht geschlafen in dieser Nacht. Was für eine blöde Situation.

Einfach nur blöd, mit diesem Gedanken bin ich eingeschlafen und wenige Stunden später wieder aufgewacht. Völlig übernächtigt und immer noch missmutig bin ich ins Auto gestiegen. Ich wollte gerade starten und die Handbremse lösen, da habe ich ihn entdeckt, den Schlüssel, zwischen Beifahrersitz und Handbremse. Was eine Erleichterung. Ich kam pünktlich zum Start meiner Dienstreise, alles war gut. Aber dieses Erlebnis vergesse ich so schnell nicht.

Natürlich habe ich auch seitdem immer mal wieder meinen Schlüssel gesucht, und das wird auch bestimmt in Zukunft eines meiner Markenzeichen bleiben. Aber nachhaltig war dieses Erlebnis trotzdem, denn seitdem bin ich der Frage auf der Spur, wie es mir gelingen kann, mich stärker zu fokussieren, auf das was gerade dran ist. Früher war das irgendwie einfacher. Aber mittlerweile bin ich berufstätige Mutter von drei schulpflichtigen Kindern in der Pubertät. Meine Arbeit ist sehr vielfältig, macht mir Spaß und ich habe viel Verantwortung. Ach ja und ich bin nicht nur Mutter und Arbeitnehmerin, auch Ehefrau, Freundin und Seelenverwandte und Tochter bleibt man sowieso.

Mein Vater hatte vor wenigen Wochen eine große Herz-OP. Ohne diese Operation wäre er heute wahrscheinlich nicht mehr am Leben. Es war knapp. Die Ärzte wussten nicht, ob er durchkommt. Wir haben um ihn gebangt. Aber er hat es geschafft, schließlich ist er auch noch nicht so alt. Er darf mit einer neuen Perspektive in das neue Jahr starten. Jetzt geht alles erst einmal ganz langsam, er braucht viel Geduld. Was ist wichtig, was hat Bedeutung im Leben? Diese Frage beantwortet mein Vater heute ganz anders als noch vor einigen Wochen. „Ich freue mich auf Weihnachten und darauf euch alle wieder zu sehen." Das war der erste Satz, den er gesagt hat, als er wieder nach Hause durfte. Ihm hat sich eine Tür in ein neues Leben geöffnet, eine Tür, zu der er vor seiner OP nicht den Schlüssel hatte. Gerade lernt er in der Reha, wie das geht, mit erst einmal reduzierten Kräften klarzukommen. Er lernt, sich zu konzentrieren, auf das was dran ist, seine Kräfte zu sammeln, die Ansprüche herunterzuschrauben, sich am Kleinen zu freuen und wieder Lust auf das Leben zu bekommen. Die OP: Sie war für meinen Vater ein Schlüsselerlebnis, natürlich noch viel heftiger als meine Schlüsselsuche in der Nacht. Es hat ihn dazu gebracht, sich darauf zu konzentrieren, was wirklich wichtig ist im Leben.

Mich treibt das in diesen Wochen auch an, besonders heute an Neujahr: Was ist wirklich wichtig in meinem Leben? Auf was will ich mich konzentrieren, worauf meinen Fokus richten? Ich stelle mir, vor wie es wäre, die Kräfte, die ich so zum Einsatz bringe, einmal zu reduzieren, mich zu konzentrieren, auf das, was dran ist, meine Kräfte zu sammeln und meine Ansprüche herunter zu schrauben, mich am Kleinen zu freuen und einfach nur Lust am Leben zu haben? So ein konzentriertes Leben: Das ist gar nicht so einfach, es ist auch fast wie so eine Tür, zu der ich den Schlüssel nicht immer parat habe.

Schlüssel gesucht. Kein Haustür-, Dienst- oder Autoschlüssel, sondern der Schlüssel zu einem Leben in der Gegenwart, zu einem Leben im Hier und Jetzt. Bei meiner Schlüsselsuche muss ich auch an ein Bild aus der Bibel denken, das jetzt vor Weihnachten im Gottesdienst zu hören war. Jesus selbst wird da als Schlüssel bezeichnet. Schlüssel Davids, so wird er genannt. Und natürlich bedeutet das: Er will uns Türen öffnen, er will uns neue Möglichkeiten erschließen. Beim Propheten Jesaja heißt es über den künftigen König des Gottesvolkes: „Ich lege ihm den Schlüssel des Hauses David auf die Schulter. Wenn er öffnet, kann niemand schließen; wenn er schließt, kann niemand öffnen." Das sind große Worte.

Für mich bedeutet das: Jesus schließt und öffnet für mich die Tür zum Leben. Ich glaube: Ab und zu sorgt er mit dafür, dass eine Tür sich öffnet, die ich vorher vielleicht nicht gesehen habe oder dass ich einen Schlüssel finde. Wenn sich zum Beispiel ganz ohne mein Zutun eine neue Möglichkeit auftut oder ein Problem löst.

In einer unserer Krimskramkisten habe ich einen alten Schlüssel gefunden, einen, der keine bestimmte Tür mehr öffnet oder schließt. Ihn trage ich mit mir herum, an einem schönen Schlüsselband. Er liegt auf meinem Schreibtisch, in meiner Tasche, auf meinem Nachttisch, und er erinnert mich an ein Leben im Hier und Jetzt. Er ermutigt mich, Gott zu vertrauen, dass er mir die richtigen Türen aufschließt.Ich wünsche Ihnen ein gutes, ein gesegnetes Neues Jahr 2019, in dem sich für Sie die richtigen Türen öffnen – Türen zu einem bewussten Leben im Hier und Jetzt.

 

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