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Satt werden vom Brot des Lebens
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Satt werden vom Brot des Lebens

Simone Gerlitzki
Ein Beitrag von

Simone Gerlitzki,

Katholische Pastoralreferentin, Frankfurt
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Kennen Sie die „Toten Hosen“? Das ist eine bis heute ziemlich erfolgreiche Musikband aus den 80iger Jahren. Ihren Musikstil nennt man „Punk Rock“. Von dieser Gruppe gibt es ein Lied, das heißt: „Warum werde ich nicht satt?“ Darin erzählt einer großspurig von dem immensen Überfluss, in dem er lebt. Zwei Autos besitzt er, weil ihm eins zu wenig ist und zwei Autos halt in die Garage neben seiner riesigen Villa passen. Was sollte er auch sonst rein tun? Demnächst bekommt er dann seinen Swimmingpool, und so geht es weiter. Jeden Sonntag aber – so heißt es im Liedtext – „zähle ich mein Geld, und es tut mir wirklich gut zu wissen, wie viel ich wert bin, und ich bin grad hoch im Kurs“. Da weiß einer: Er hatte immer mehr Glück als die meisten anderen; und was er wirklich wollte, hat er auch gekriegt. Und dann aber diese Frage, die dem Lied den Titel gibt: „Warum werde ich nicht satt?“

Trotz Wohlstand – nie satt

Dreißigmal schreit der Sänger Campino von den Toten Hosen in diesem Lied diese Frage hinaus: „Warum werde ich nicht satt?“ Vielleicht findet er sich in dem Satz auch selbst wieder, als Musiker, der vieles erreicht hat. Und vermutlich trifft diese Frage auch irgendwie einen Nerv der Zeit – das Lied erschien im Jahr 2000 – dem letzten Jahr des 20. Jahrhunderts. Einem Jahr in dem das digitale Zeitalter so richtig in Fahrt kam. Handys erreichen die Massen. Die sozialen Netzwerke wie Facebook und Twitter erlangen gerade bei jungen Leuten viel Popularität. Aber machen diese ganzen digitalen Errungenschaften wirklich satt?

Überfluss sättigt nicht den inneren Hunger

Warum werde ich nicht satt? Das fragen Leute, die eigentlich alles haben, was man braucht, um leben zu können. Da, wo außen alles da ist, bleibt manchmal doch ein innerer Hunger. Selbst wer eine Wohnung hat, Kleider, ein Auto, genug zu essen, kennt Hunger, inneren Hunger. Hunger nach Leben, Hunger nach Anerkennung, Hunger nach Gerechtigkeit, Hunger nach Sinn, Hunger nach Zufriedenheit.

Musik 1:Antonio Vivaldi, Die vier Jahreszeiten „Der Sommer“, 3. Satz Presto, 2:46 (CD: Antonio Vivaldi, Die vier Jahreszeiten 7 Concerti, Berliner Philharmoniker).

Der Hunger der Seele wird nicht gestillt

Eigentlich bin ich satt, weil ich alles habe – und trotzdem ist da ein Hunger der Seele, ein Hunger nach Anerkennung und Sinn im Leben. Davon singt Campino von den „Toten Hosen“ im Lied „Warum werde ich nicht satt“?

Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt

Genau dieser Kontrast zwischen dem satten Magen und der hungrig bleibenden Seele steht auch im Mittelpunkt der Bibelstelle, die heute in den katholischen Gottesdiensten vorgetragen wird. Die Menschen laufen Jesus in Scharen nach, aber trotzdem ist Jesus enttäuscht. Er sagt: „Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid. Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt.“(Johannes 6, 26-27)

Der Hunger der Seele ist genauso wichtig

In den Sätzen davor ging es in der Bibel um die so genannte Brotvermehrung – Jesus macht aus fünf Broten und zwei Fischen eine Mahlzeit für tausende von Menschen, die ihm zugehört haben. Ich glaube deswegen nicht, dass für Jesus der satte Bauch völlig unwichtig ist. Er hat dafür gesorgt, dass alle satt werden. Das war ihm ein großes Anliegen. Aber wenn der Hunger im Magen gestillt ist, dann ist für Jesus offensichtlich genauso wichtig, dass auch der innere Hunger gestillt wird.

Ich bin das Brot des Lebens

Das wäre doch toll! Ein Brot, das den inneren Hunger stillt, das uns innerlich satt macht. Als die Leute in der Geschichte von der Brotvermehrung das verstehen, kommt ihre große Bitte: Herr, gibt uns immer dieses Brot! Und die Antwort Jesu lautet: „Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.“ (Johannes 6, 35)

Du bist das Brot des Lebens

Wie ist das gemeint? Wie kann das gehen? Natürlich geht es um den inneren Hunger. Und fest steht wohl auch: Menschen haben diese Erfahrung mit Jesus gemacht. Mir hilft es, wenn ich die „Ich-bin-Worte“ Jesu im Johannesevangelium umdrehe in „Du-bist-Worte“, in Worte also, in denen Menschen ihr Bekenntnis und ihre Erfahrung ausdrücken: „Du bist das Brot des Lebens“.

Wer an dich glaubt, wird nie mehr hungern

Diese Worte Jesu sind 70 Jahre nach dem Tod Jesu aufgeschrieben worden. Sie sind schon durch die Erfahrung der ersten Christinnen und Christen hindurchgegangen. Die Menschen haben schon erlebt: Das stimmt! Sonst wäre es niemals aufgeschrieben worden. Eigentlich sind es Glaubensbekenntnisse. Und was muss einer erlebt haben, dass er zu Jesus sagen kann: „Du bist das Brot des Lebens! Wer an dich glaubt, wird nie mehr hungern!“ So kann doch nur reden, wer irgendwie in seinem Glauben, in seiner Beziehung zu Jesus, eine tiefe innere Sättigung findet.

Musik 2: Wolfgang Amadeus Mozart, Eine kleine Nachtmusik, Menuetto, Allegretto 2:23 (CD: Eine kleine Nachtmusik, Wiener Philharmoniker).

Das Brot, das vom Himmel regnet, gibt Kraft

Was muss ein Mensch erlebt haben, damit er über Jesus sagen kann: Du bist das Brot des Lebens! Was ist dieses Brot, das vom Himmel kommt? Das die Menschen nie mehr Hunger leiden lässt und ihre Sehnsucht stillt? Die jüdischen Zuhörerinnen und Zuhörer Jesu denken da sicher auch an das Manna, mit dem Gott Israel in der Wüste gespeist hat. „Ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen.“ (Exodus 16,4) – so hatte einst Gott zu Mose gesprochen. Schon damals fragten die Väter Israels: Was ist das? und Mose antwortete: „Das ist das Brot, das der Herr euch zu essen gibt. (Exodus 16,15) Das Brot vom Himmel ist die Nahrung Israels während der Wüstenzeit. Es gibt Israel die Kraft, die Zeit der Bewährung zu bestehen und sich Gottes Führung anzuvertrauen.

Speise, die für das ewige Leben bleibt

Wenn ich nun wieder in die Bibelstelle schaue, dann lese ich, Jesus fordert seine Zuhörerinnen und Zuhörer dazu auf, sich um die Speise zu mühen, „die für das ewige Leben bleibt“ (Johannes, 6, 27). Das ewige Leben – im Sinne der Bibel - ist aber nicht einfach nur ein unendlich lange andauerndes Leben. Die biblische Vorstellung von ewigem Leben meint: Leben, das sich im Hier und Jetzt nach Ewigkeit oder eben: himmlisch anfühlt, perfekt, erfüllt, vollendet. Ewiges Leben: Das ist dort, wo Menschen sich gegenseitig Zuneigung schenken, wo ich mich geborgen fühle. Und all das ist auch nur ein Vorgeschmack, ein Bruchstück dessen, was ewiges Leben bei Gott noch sein wird.

Es gibt ein „Mehr“ über das biologische Leben hinaus

Es gibt natürlich auch viele Menschen, die mit solch einer Vorstellung von ewigem Leben nichts anfangen können, die glauben: Der Mensch braucht nur Nahrung und Kleidung, um Leben zu können. Außer den materiellen Dingen und über die konkreten Erfahrungen hinaus gäbe es keine Nahrung für die Ewigkeit. Die ungestillten Sehnsüchte, die ich habe, lassen mich ahnen: Es gibt ein „Mehr“ über das bloß biologische Leben hinaus. Deshalb ist es für mich nicht irrational, einen Sinn des Lebens über den Tod hinaus anzunehmen und zu suchen.

Leben ist geschenktes Leben

Die Bibel eröffnet dem menschlichen Leben eine entsprechende Dimension. Leben ist geschenktes Leben. Der Mensch ist angenommen und geliebt, so wie er ist, mit all seinen Fehlern und Schwächen. Obwohl Israel sich in der Bibel immer wieder gegen Gott auflehnt, gibt Gott den Menschen in der Wüste das Manna und rettet das Volk vor dem Hungertod. Das Manna zeigt: Gott rettet Israel, Gott sorgt für sein Volk.

Dieses Brot fordert mich heraus, mein Leben zu ändern

Das Brot, das von Gott kommt, „gibt der ganzen Welt das Leben“ (Johannes 6,33), so heißt es im Johannesevangelium. Jesus selbst ist dieses Brot. Wer zu ihm kommt, „wird nie mehr hungern“, und wer an ihn glaubt, „wird nie mehr Durst haben“ (Johannes 6, 35), heißt es. Diese Worte sind Trost und Herausforderung zugleich: Trost, weil mir dieses Brot von Gott geschenkt ist, unabhängig von all meinen Leistungen und meiner Verdienste. Und Herausforderung, weil mich dieses Brot dazu herausfordert, mein Leben zu ändern, selber Menschen satt zu machen.

Dafür muss ich mich auf die Suche begeben

In der Wüste sehnte sich Israel angesichts der Schwierigkeiten und Strapazen, die es durchmachen musste, nach den Fleischtöpfen Ägyptens zurück. Gott hat es aber davor bewahrt, die gerade gewonnene Freiheit wieder einzutauschen gegen die Sklaverei.

Musik 3: Arcangelo Corelli, Concerto No. 2 in F Major, Allegro, 1:43 (CD: Arcangelo Corelli Concerti Grossi, Slovak Chamber Orchestra).

„Ich selbst bin das Brot des Lebens“, sagt Jesus in der Bibelstelle. Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben. Um dieses Brot des Lebens finden zu können, muss ich mich auf die Suche begeben.

Gott kommt nicht ständig in meinem Leben vor

Es gibt Zeiten im Leben, da bin ich nicht auf der Suche nach Gott oder nach Jesus. Da reicht mir das Leben mit seinen täglichen Abläufen und Anforderungen. Da freue ich mich über das tägliche Brot, im weiten Sinn, also Essen, Wohnung, Arbeit, Freunde, alles Lebensnotwendige. Gott kommt dann nicht ständig vor. Es scheint ja auch gut ohne ihn zu gehen. Kein Grund, keine Notwendigkeit, keine Zeit, ihn zu suchen.

Manchmal möchte ich einfach nur ich sein

Eine Frau hat mir in einer kleinen Runde neulich erzählt, wie es ihr geht, und dass sie neben ihrer beruflichen Teilzeittätigkeit in der Familie auch nur noch am Rennen und Werkeln ist; sie ist ja Mutter, Erzieherin, Nachhilfelehrerin, Köchin, Putzfrau, Waschfrau, Partnerin, Krankenschwester und so weiter und so fort. Die Zeit zerrinne ihr nur so zwischen den Fingern. Manchmal, so ihr Fazit, manchmal „da möchte ich einfach nur ich sein, eine Frau, Anfang vierzig, einfach nur ich, ohne große Ansprüche, zufrieden, da zu sein“.

Man macht so viel und es ist doch nicht genug

Ich kann sie gut verstehen. Und vermutlich geht es auch Menschen in anderen Lebensumständen ähnlich. Man macht so viel und es ist doch nicht genug, weil der Hunger nach etwas anderem bleibt: Einfach nur mal ich sein. Nicht tausende Verpflichtungen und Ansprüche ausgesetzt. Da sein und spüren, dass alles gut ist. Und dann die Aufgaben voller Energie und Freude angehen, ohne Hetze, aus starkem inneren Antrieb, mit Herz und Hand, ganz man selbst. Wer so lebt, ist lebendig.

Die Angst, am Leben und an sich selbst vorbeizulaufen

Aber das gelingt nicht immer. Ich weiß auch nicht, ob es dieser Frau gelingen wird. Vielleicht macht sie einfach so weiter – und erfüllt ihre vielen Rollen auch gut –, aber doch bleibt dieser Hunger in ihr und die Angst, am Leben und an sich selbst vorbeizulaufen. Der Hunger nach dem echten, erfüllten Leben könnte bereits ein erster entscheidender Schritt sein. Vielleicht würde es ihr helfen, Dinge abzulegen. Ablegen, was zu viel ist, ablegen, was ihr Kräfte nur raubt und nicht gibt.

Unterscheiden zwischen dem Hunger nach Essen und dem nach Leben

Die Bibel erzählt von Menschen, die der Hunger dazu gebracht hat, Jesus zu suchen. Und dort, bei Jesus, lernen sie zunächst zu unterscheiden: zwischen dem Hunger, der durch Essen zu sättigen ist, und dem Hunger nach Leben. „Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt“, heißt es da (Johannes 6, 27). Und weiter sagt Jesus: „Das Brot, das Gott gibt, … gibt der Welt das Leben“ (Johannes 6, 33). Bei Gott wäre also das Leben zu finden, das ganze Leben, ganz ich, ganz du, in der Kraft und in der Freiheit und in der Freude der Kinder Gottes.

Musik 4: Johannes Brahms, Ungarische Tänze, Allegretto, 2:08 (CD: Franz Liszt, Ungarische Fantasie / Johannes Brahms, 4 Ungarische Tänze, Berliner Philharmoniker).

Es muss doch mehr als alles geben

„Herr, gib uns immer dieses Brot!“, bitten die Jünger Jesus, und scheinen es kaum mehr erwarten zu können. Das Alltagsbrot und die Alltagsgeschäfte reichen nicht. Es muss doch mehr als alles geben! Einen Vorgeschmack des Himmels – auf das ewige Leben. Die Jünger finden das bei Jesus. Und gerne möchte ich mich auf ihre Seite stellen. Die Sehnsucht bei mir ist ähnlich, zweitausend Jahre hin oder her. Es muss doch mehr als alles geben.

Sie haben nicht aufgehört, ihn zu suchen

Aber ich lese dort in der biblischen Geschichte auch: Um von Jesus zu hören, dass er das Lebensbrot ist, sind sie zuvor tätig geworden, sie haben sich auf den Weg zu ihm gemacht, haben ihn angesprochen und ihn gebeten, sie haben nicht aufgehört zu suchen, sie sind nicht einfach in ihrer Umgebung geblieben. Sie haben die alten Wege unterbrochen, um mit Jesus eine neue Lebensqualität zu finden. Sie sind durch die Nähe Jesu so richtig innerlich satt geworden. Aber wie geht das?

Satt werde ich, wenn ich Gott im Alltag wahrnehme

Wenn ich auf meinen Glauben schaue, finde ich Antworten: Satt werde ich, wenn ich sonntags im Gottesdienst bin und das Brot der Eucharistie empfange. Satt werde ich, wenn ich Gottes Liebe im Alltag erlebe. Satt werde ich, wenn ich mich mit Freunden treffe.

Hinter diesen Stückchen Brot steckt meine letzte Hoffnung

Eine einfache, aber doch tiefgründige Aussage habe ich einmal gelesen in einem Gedicht von Wilhelm Willms. Darin wird eine alte Frau gefragt: Warum gehen Sie jeden Sonntag in die Kirche. Was bringt ihnen denn diese kleine Hostie, die Sie da bekommen? Die Frau gibt zur Antwort:

„hinter diesem stückchen brot
steckt meine letzte hoffnung
dass ich noch einmal gesättigt werde
ich habe eine gute rente
sagte die alte frau
und kann mir viel brot kaufen
und kann jeden tag ins café gehen
aber
das will ich ihnen sagen
ich habe noch kein brot gefunden
das mich satt macht
aber dieses weiße scheibchen
ist meine hoffnung
denn da steckt
ungeheuer viel dahinter
ein mann
ein mensch wie wir
der hat sich selbst weggegeben
der wurde selbst brot
wissen sie
sagte die alte
so einer
der sich selbst weggibt so etwas ist meine letzte hoffnung..

(Wilhelm Willms, weist du wo. Aus: ders., der geerdete himmel, 1974 Butzon&Bercker GmbH, Kevelaer, 7. Aufl. 1986.)

Musik 5: Johann Sebastian Bach, Siciliano aus der Sonate Nr. 2, 3:30 (CD: Impressions. Melodien der Freude, Simeon Wood, John Gerighty).

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