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Oase des Friedens

Oase des Friedens

Dr. Anke Spory
Ein Beitrag von

Dr. Anke Spory,

Evangelische Pfarrerin, Bad Homburg-Gonzenheim

"Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen", so schreibt einmal der Apostel Paulus. Für mich heißt das auch: Ich ertrage: Der Mensch mir gegenüber ist anders als ich. Einfach ist das nicht. Es kann auch manchmal eine Last sein. Aber es geht selbst da, wo es ganz schwierig ist. Das zeigt das Projekt „Oase des Friedens“. Eine Oase, das ist Leben in der Wüste, Wasser, Grün, wohltuende Kühle. Da findet man, was man zum Leben braucht.

„Oase des Friedens“ nennt sich eine Dorfkooperative an der Grenze zur Westbank. Jüdische und palästinensische Bürger Israels leben hier bewusst miteinander. Rund vierzig Familien sind dort zu Hause. Sie pflegen die Vision einer gleichberechtigten Gesellschaft. 1972 wurde das Dorf gegründet. Inzwischen gehören zum Friedensprojekt verschiedene Orte, die das Leben erleichtern: In der zweisprachigen Grundschule mit Kindergarten und Kinderkrippe bekommen die Kinder Zugänge zu beiden Kulturen und Sprachen. Das ist etwas besonderes, wenn man bedenkt: Diese Schule war in Israel über Jahrzehnte die einzige, in der Kinder sowohl arabisch als auch hebräisch lernen.

Ein anderer Ort ist die Friedensschule. Sich begegnen wird hier groß geschrieben. Es wird vermittelt, wie Konflikte entstehen: Wie kann ich mit ihnen umgehen? Aber es soll nicht nur nach außen vermittelt werden, wie man mit Konflikten umgehen kann. Auch im Dorf selbst wird versucht, Konflikte zu lösen, indem man miteinander redet, im Dialog. Wer gut leben will, hat etwas verstanden: Ich gestehe dem anderen und mir zu, dass wir dasselbe verschieden erleben. Ein Beispiel ist der israelische Unabhängigkeitstag. Wenn die israelischen Kinder den Unabhängigkeitstag Israels feiern, dann ist dieser Tag für die Palästinenser das, was man im Arabischen eine nationale Katastrophe bezeichnet. An diesem Tag werden die Kinder in zwei Gruppen geteilt. Man kann diesen Tag nicht zusammen feiern. Aber danach trifft man sich wieder, um darüber zu sprechen und sich auszutauschen. Es müssen nicht unbedingt Bücher sein, aus denen die Kinder die Geschichte des Anderen lernen.

Es geht um den Respekt vor beiden Kulturen und Traditionen. Juden und Palästinenser beteiligen sich gleich stark an den Aufgaben in der Verwaltung und der Schule. Führungspositionen im Dorf übernehmen sie immer abwechselnd. Palästinensische und israelische Dorfbewohner sind im Dialog. Sie diskutieren und streiten manchmal auch. Aber sie nehmen sich ernst, sie nehmen ernst, was sie fühlen und wovon sie überzeugt sind. In der Oase des Friedens wollen immer mehr Menschen leben. Dreihundert Familien stehen bereits auf der Warteliste. Es gibt also Hoffnungszeichen. Es gibt Menschen, die sich wünschen, dass Juden und Palästinenser gleichberechtigt zusammenleben.

Mir macht dieses Friedensdorf in Israel Mut. Miteinander zu leben ist trotz aller Unterschiede möglich. Man kann lernen, tolerant zu sein und Rücksicht zu nehmen. Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen, hatte der Apostel Paulus geschrieben. Toleranz heißt also auch: Ich ertrage, dass der andere anders als ist als ich. Ich nehme Anteil daran, wie andere leben, was sie denken, auch, was sie erleiden. So kann man zusammen in Gemeinschaft leben, überall auf der Welt.

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