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Kommt Jesus als Dieb?
Bildquelle: pixabay

Kommt Jesus als Dieb?

Sebastian Pilz
Ein Beitrag von

Sebastian Pilz,

Katholischer Referent für Schülerseelsorge, Fulda
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Mein Fahrrad steht noch draußen im Garten. Ich sitze aber schon im Auto auf dem Weg zum Bahnhof. Mir wird also schlagartig klar: Ich habe gestern Abend vergessen, mein Fahrrad in den Keller zu stellen. Nach dem Putzen stand mein Drahtesel die ganze Nacht draußen und ist hoffentlich überhaupt noch da. Doch das Fahrrad ist nicht mein eigentliches Problem. Viel schwerwiegender ist: Die Kellertür war die ganze Nacht nicht abgeschlossen. Hoffentlich ist mein Werkzeug noch im Keller? Und da sind natürlich auch noch die Fahrräder der Familie. Mir läuft es eiskalt über den Rücken und der Ärger über meine Vergesslichkeit schwillt an. Ich versuche mich zu beruhigen. Schnell greife ich zum Handy und rufe meine Frau an. Ich höre live mit, wie sie in den Keller geht und nachschaut. Dann kommt die erlösende Nachricht: alles ist noch da, das Werkzeug und die Fahrräder. Auch mein Fahrrad steht noch im Garten. Glück gehabt, denke ich. Es war kein Dieb da.
Szenenwechsel: Heute hören Gläubige in katholischen Gottesdiensten ein Stück aus dem Matthäusevangelium. Da heißt es wörtlich: „Wenn der Herr des Hauses wüsste, zu welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, würde er wach bleiben und nicht zulassen, dass man in sein Haus einbricht.“[1] Schon vorher heißt es: „Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.“ Seid also wachsam, heißt es da. Dieser Rat leuchtet mir ein. Ich will schließlich mein Haus, und vor allem meine Familie, in der Nacht schützen. Ich höre da in der eben zitierten Stelle aus der Bibel die Forderung: Sieh zu, dass alle Türen im Haus verschlossen sind, bevor du schlafen gehst.
Doch in Ruhe lässt mich diese Bibelstelle auch aus einem anderen Grund nicht: Es ist die Verbindung von Jesus und dem Bild des Diebes, die mir hier nicht passt. Jesus kommt zur Nachtstunde, wie ein Dieb. Er, der liebende Heiland, überfällt und beraubt mich? Das verstehe ich nicht.  Aber ich möchte es gern verstehen. Was meint denn die Bibel an dieser Stelle, die noch dazu heute am ersten Advent vorgelesen wird? Auf diese Frage will ich, ja brauche ich eine Antwort.

Zitate stammen immer aus einem Kontext. Das ist heute nicht anders als damals zur Zeit Jesu. Deshalb schlage ich die Bibel auf und lese die Passage, in der vom Dieb in der Nacht die Rede ist, ganz. Jesus sagt diese Worte, als er mit seinen Jüngern allein am Ölberg ist[2]. Das heißt: Sein Wort ist hier erst einmal nur an seine Vertrauten gerichtet und nicht an Menschen in Dörfern und Städten. Dann fällt mir auf: Seine Jünger müssen sich in dieser Situation von Jesus noch mehr Schockierendes anhören: Da soll die Sonne sich verfinstern und die Sterne werden vom Himmel fallen[3]. Von zwei Frauen, die mit einer Mühle mahlen, wird die eine mitgenommen und die andere zurückgelassen.[4] Wenn ich das so lese, wühlt mich das auf. Der liebende Gott vernichtet die Welt und sucht scheinbar wahllos Menschen aus, die er erlöst. Kann das wirklich sein?
Die Worte sind gewaltig und die Bilder drastisch. Und genau das sollen sie meiner Meinung nach auch sein. Jesus will damit seine Jünger wachrütteln. Er übertreibt bewusst. Er zündet salopp gesagt, ein rhetorisches Endzeit-Feuerwerk und schockiert. Seine Freunde sollen sensibel werden, für das, was kommt. Zwei Kapitel später nämlich wird Jesus verhaftet. Kurz darauf stirbt er als verurteilter Verbrecher am Kreuz. Jesus ahnt das alles bereits und will seine Freunde mit den dramatischen Bildern warnen.
Bei genauem Hinsehen fallen noch mehr Verbindungen zwischen der Verhaftung Jesu und dem Bild vom Dieb, in der Nacht, auf. Zum ersten ist da der Ort gleich. Jesus spricht die warnenden Worte vom Dieb in der Nacht am Ölberg. Seine Verhaftung wenig später findet auch da statt. Denn der Garten Getsemani, wo Jesus festgenommen wird, liegt laut Wissenschaftlern auch am Fuße des Ölbergs. Zum zweiten ist die Tageszeit gleich. Jesus wird in der Nacht festgenommen. Genauso spricht er davon, dass der Dieb zur Nacht kommt. Und drittens ist von Dieben oder Räubern die Rede. Beim Bild vom Dieb in der Nacht ist das genauso wie bei der Verhaftung. Da bezieht Jesus das Bild des Räubers auf sich. Er fragt nämlich die Soldaten, warum sie mit Knüppel und Schwerter bewaffnet, ihn als Räuber fangen wollen.[5] 
Doch trotz der gewaltigen Worte und den Parallelen in Ort, Zeit und Wortwahl: Die Warnung von Jesus an seine Freunde funktioniert nicht. Die Jünger schlafen sogar noch kurz vor der Verhaftung ein, obwohl Jesus sie bittet, wach zu bleiben und zu beten.[6] Nach der Festnahme Jesu sind die Jünger völlig verwirrt. Einer schlägt mit dem Schwert los, andere laufen davon.
Jesus wollte seine Freunde vor dieser Situation warnen, so scheint mir. Er wollte sie vorbereiten und schützen. So wie eben ein Hausherr sein Hab und Gut vor Schaden beschützen will. Das Wort vom Dieb in der Nacht verstehe ich jetzt.

Jesus will seine Jünger wach machen, um sie vor der späteren Situation der Verhaftung zu schützen. Denn: Er liebt sie. Doch was hat diese liebende Warnung von damals mit heute zu tun?
Eine Antwort darauf finde ich durch einen Menschen, dessen Todestag heute gefeiert wird. Es ist der französische Priester und Eremit Charles de Foucauld, der am 01. Dezember 1916 stirbt. Nach einem turbulenten Leben lässt er sich auf einem Bergplateau im Süden Algeriens nieder. Dort lebt er im Gebet und in der Begegnung mit den einheimischen Tuareg. Den entscheidenden Schritt zu dieser intensiven Beziehung zum Glauben an Jesus Christus hat Foucauld nicht durch eine besondere Erweckung erhalten. Stattdessen war er tief beeindruckt von betenden Muslimen, die er bei einer Reise durch Algerien sah. Diese Szene rüttelt ihn wach und er fragt neu nach seinem christlichen Glauben. Foucauld war zwar als Kind katholisch erzogen worden, hatte den Glauben aber seit seiner Jugend abgelegt. Nach der Begegnung mit den Muslimen findet er mehr und mehr in eine liebende Aufmerksamkeit zu Christus zurück. Er tritt in eine Ordensgemeinschaft ein. Und wenig später will er noch intensiver aus der Liebe zu Christus leben und so zieht er sich in die karge Umwelt der Berge Süd-Algeriens zurück. Dort ist Charles de Foucauld glücklich inmitten der Menschen muslimischen Glaubens zu leben. Und zwar als Christ! Seine Liebe geht sogar weit, dass er ihre Sprache erlernt und sich intensiv mit ihrer Kultur beschäftigt. Er hat zeitlebends freundschaftliche Beziehungen zu den Tuareg.
Umso tragischer ist es, dass Foucauld eines gewaltsamen Todes stirbt. Ausgerechnet plündernde Tuareg erschießen ihn aus Panik, er könnte am Ende des ersten Weltkrieges 1916 noch Informationen über sie weitergeben.
Mich fasziniert, wie Charles de Foucauld stirbt. Von seinem Todestag heute vor 103 Jahren ist folgender Satz überliefert: „Man findet, dass man nie genug liebt. Ja es ist wahr, man liebt nie genug!“[7] Auch wenn unklar ist, ob er das im Angesicht seiner Mörder sagt. Das Zitat zeugt von einem liebenden Menschen, der immer mehr in der Liebe zu seinen Mitmenschen wachsen wollte. Scheinbar hat er nicht auf Diebe in der Nacht gewartet, sondern versucht, wach und aufmerksam seine Mitmenschen zu lieben. Er nahm seine Umgebung bewusst wahr und hat positiv auf Fremde geschaut. Er hat eben das Gute von Gott her im anderen Menschen erwartetet und das bewegt mich heute.
Was wäre, wenn … Das war das Kopfkino als mein Fahrrad noch im Garten stand und die Kellertür nicht abgeschlossen war. Was wäre, wenn ein Dieb gekommen wäre, schoss mir da durch den Kopf. Mir fällt nun auf, wie meine Gedanken damals nur um das Schlechte kreisten. Ich blieb völlig in der negativen Perspektive. Wachsamkeit nach dem Willen Jesu und nach dem Vorbild von Charles de Foucauld heißt aber: die positive Brille aufsetzen. Mit liebender Aufmerksamkeit wachsam für seine Umwelt und seine Mitmenschen sein.
Das wird meine Perspektive für den Advent. Ich will jeden Morgen in die anderen Büros meiner Abteilung gehen und meine Kolleginnen und Kollegen freundlich begrüßen. Zudem möchte ich abends nicht gleich genervt reagieren, sobald die Kinder laut sind. Stattdessen will ich ihnen zuhören und mir von ihrem Tag erzählen lassen. Dann wird es für mich ein aufmerksamer Advent, in dem Gottes Wirken mehr Raum bekommt.

 

 

 


[1] Matthäusevangelium 24,42f.

[2] Siehe Matthäusevangelium 24,3.

[3] Siehe Mt 24,29.

[4] Siehe Mt 24,41.

[5] Siehe Mt 26,55.

[6] Siehe Mt 26,36-45.

[7] Aphorismen.de, Charles de Foucauld

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