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Glück oder Unglück
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Glück oder Unglück

Andrea Wöllenstein
Ein Beitrag von Andrea Wöllenstein, Pfarrerin im Referat Erwachsenenbildung der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Marburg

Ich habe bei einem Sturz mit dem Fahrrad das Bein gebrochen und liege im Krankenhaus.Nach Besuch ist mir nicht zumute, aber ich freue mich über Nachrichten auf dem Handy.
„O nein! Was für ein Pech!“ schreibt eine Freundin. „So ein Unglück! Du Arme, du tust mir so leid!“ Ihr Mitgefühl tut mir gut. Denn sie hat Recht. So was ist einfach nur Mist!
Die nächste sieht das ganz anders. Ihre Reaktion: „Da hast du aber Glück gehabt! Nur das Bein!“ Und dann schreibt sie von anderen Fällen, wo viel mehr passiert ist: Schulter verrenkt, Hand gebrochen, Kopf verletzt. – Stimmt.  Das alles ist bei mir noch heil. Gott sei Dank!
Glück oder Unglück? Die verschiedene Bewertung erinnert mich an die Geschichte von einem Weisen, dem eine Herde Wildpferde zugelaufen ist. „Hast Du ein Glück!“ sagen seine Freunde. „Du bist wirklich ein Glückspilz. „Mag sein“, antwortet der Mann. Sein Sohn versucht, die Pferde zu zähmen. Beim Reiten stürzt er und bricht sich die Beine. Die Freunde besuchen ihn und sagen zum Vater: „Was für ein Unglück! Du bist ein richtiger Pechvogel!“ „Mag sein“, antwortet er wieder. Kurze Zeit später kommt Krieg über das Land und alle jungen Männer werden eingezogen. Alle, nur der eine nicht mit den gebrochenen Beinen. „Hast du ein Glück!“ sagen die Leute. Aber der Weise antwortet wie zuvor: „Mag sein.“
Er weigert sich, das, was geschieht, zu bewerten. Ihm einen Stempel aufzudrücken mit „gut“ oder „schlecht“. Stattdessen nimmt er das, was ist, wie es ist – in der Hoffnung, dass sich alles zum Guten fügen wird. Nicht die Dinge an sich sind gut oder schlecht. Erst der Blick aufs Ganze – meist im Nachhinein – zeigt, welchen Stellenwert ein Ereignis hat. Was es mit uns gemacht hat, was es für uns bedeutet.
„Du musst dich einfach an dem Guten entlanghangeln“, war der Rat einer dritten Freundin. Und davon gibt es immer auch noch eine Menge. Glück im Unglück. Ein gutes Krankenhaus, verständnisvolle Menschen, die realistische Aussicht, wieder gesund zu werden.
Entlanghangeln am Guten – ein schönes Bild. Ich denke an eine Wanderung in den Bergen. Ein Wegabschnitt ging an einer Felswand entlang. Der Pfad war ganz schmal. Aber in den Fels war ein Stahlseil eingelassen. Daran konnte man sich festhalten und sich über der Schlucht entlanghangeln. Eine Hand vor die andere,  immer einen Schritt weiter am Stahlseil entlang – das ging gut und wir sind sicher am Ziel angekommen.
„Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen“ (Römer 8,28)
Ein Satz aus der Bibel. Er ist für mich wie so ein Seil, an dem ich mich entlanghangele in schwierigen Zeiten. Er gibt mir Halt und hilft mir, meine Balance zu finden zwischen Glück und Unglück.

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