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Der Tiefpunkt wird zum Wendepunkt

Der Tiefpunkt wird zum Wendepunkt

Helmut Wöllenstein
Ein Beitrag von

Helmut Wöllenstein,

Evangelischer Propst, Sprengel Marburg
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Es macht mir jedes Mal Spaß, am Ostermorgen in der Kirche die Gemeinde zu begrüßen. Viele warten schon auf den Ruf „Der Herr ist auferstanden, Halleluja“, und antworten: „Er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja“. Einige schauen überrascht, weil sie das nicht kennen. Andere freuen sich umso mehr, dass wir es gleich noch einmal machen: kräftiger, mit mehr Beteiligung. Am liebsten würde ich das Spiel jetzt mit Ihnen fortsetzen. Radio interaktiv. Ohne Anruf, nur mit Ausruf: „Der Herr ist auferstanden - Er ist wahrhaftig auferstanden.“ Allein das wäre schon Ostern. Die Botschaft vom neuen Leben will laut werden, will über`s Land.  So wie damals, als die Frauen vom Grab Jesu kamen. Erst waren sie erschrocken. Was war da los: Ein leeres Grab? Dann haben sie gehört: Er lebt. Und damit wurde etwas anders. Man sah es ihnen an. Sie gingen anders: Mit leichten Schritten, aufrecht, mit einem Ziel. Sie wollten es schnell den anderen sagen … Ostern ist immer aktiv, interaktiv. Die Botschaft kommt nicht von oben runter. Sondern ich kann sie nachsprechen, prüfen, hineinfinden, mich darin festmachen. Es ist ein lebendiges Wechselspiel.  Der Tod macht Menschen einsam, aber das Leben bringt uns zusammen. So ging es damals herum wie ein Lauffeuer. Jesus lebt. Manche Jünger erreichte es sofort, andere nach Tagen und Wochen. Bis zu uns heute reicht diese Resonanz, 2000 Jahre danach. Und die Bibel erzählt, dass auch Menschen, die schon früher gelebt haben, ähnliche Erfahrungen machen konnten.

Da ist Hanna, eine junge Frau. Sie lebt 1000 Jahre vor Jesus im alten Israel. Hanna hat großen Kummer. Sie ist verheiratet mit Elkana. Dessen zweite Frau, Pennina, kann Kinder bekommen, eins nach dem anderen, Töchter und Söhne. Hanna bekommt kein Kind. Eine der größten Gaben im Leben ist ihr verwehrt: Leben weiterzugeben. Darunter hat Hanna damals doppelt und dreifach zu leiden: Sie kann nichts zum Weiterleben ihrer Familie beitragen. Außerdem sind Kinder in der alten Zeit eine wichtige Altersvorsorge. Noch viel schlimmer aber die Frage: Hat sie als kinderlose Frau überhaupt Anteil an der Verheißung, die Gott ihren Vorfahren Abraham und Sara gegeben hat, dass er sie segnen und zu einem großen Volk machen will? – Pennina, die andere Frau ihres Mannes „kränkte sie und reizte sie sehr“, wie es wörtlich heißt. Und das können Frauen heute ganz ähnlich erleben: Das Hadern mit dem eigenen Körper. Die Frage, woran liegt’s? Was kann ich denn noch tun? Der Schatten, der sich über die Liebe legen kann. Hanna sieht die anderen Kinder im Haus, wie sie spielen, lärmen, wachsen. Sie ist immer nur die nette Tante, nicht die Mutter. Was hilft? Elkana, ihr Mann liebt sie. Er sieht ihren Schmerz. Er will sie trösten und sagt: „Bin ich dir denn nicht mehr wert als zehn Söhne?“ – Das ist nett gemeint. Doch wir wissen, dass in einer Paarbeziehung zu zweit kaum aufgefangen werden kann, was einem Menschen sonst an Erfüllung und Anerkennung fehlt. Diese erfahrene oder gefühlte Wertlosigkeit. Die kleinen Sticheleien der anderen.

„Hanna weinte“, heißt es in der Geschichte. Jedes Jahr gehen sie alle zusammen am großen Festtag in den Tempel. Das könnte ein wunderschöner Tag sein.  Die ganze Familie steht um den Altar, um zu singen, zu beten, zu danken und nachher das Festmahl zu genießen. Doch genau da spürt Hanna ihren Schmerz besonders. Gott erscheint fern an einem Ort, wo er nah sein soll. Sie ist traurig an einem Tag, wo sich alle freuen. „Hanna aß nichts mehr“, heißt es, „sie war von Herzen betrübt und weinte sehr“. Das ist der Tiefpunkt dieser Geschichte. Doch der Tiefpunkt wird zu ihrem Wendepunkt. Und das ist es, was uns interessiert. Wir können nicht genug hören von der Osterbotschaft, die genau an dieser Stelle steckt. Wir kennen das: Menschen sind am Nullpunkt, es geht nicht mehr tiefer. Noch eine schlimme Diagnose. Noch eine Kündigung. Es wird einfach zu viel. Manche trauen sich gar nichts mehr. Wie soll es weitergehen? Wo soll ich jetzt wieder anfangen? Wer wälzt uns den Stein von der Tür des Grabes, fragen die Frauen am Ostermorgen. Sie sind unterwegs zum Grab Jesu, noch im Dunkeln. Sie wollen den Toten salben. Sie haben gar nicht daran gedacht in ihrer Trauer: Das Grab ist ja verschlossen. Sie kommen nicht rein. Sie sind völlig durcheinander. Am besten, sie würden wieder nach Hause gehen. Sich abfinden. Aber das tun sie nicht. Ihre Hoffnung ist stärker. Sie gehen weiter. Sie kommen hin und sehen: Der Stein ist weg. Wir können zu ihm. Wir haben`s geschafft.

Und Hanna? Sie merkt, so kann es nicht weitergehen. Sie muss etwas tun, etwas versuchen, Initiative ergreifen. „Da stand Hanna auf vor dem Herrn“ wird erzählt. Und das klingt auch schon wieder nach Ostern, nach Auferstehung. Allein damit, dass eine aufsteht, kann ein ganzes Leben wieder auf die Füße kommen. „Da stand Hanna auf“. Sie geht in den Tempel, ganz allein, und betet. Innig und inbrünstig. Ihr Leib ist verschlossen, aber ihr Herz, das vor Kummer schon ganz zu war, tut sich auf. Und ihren Mund tut sie auf. Sie fleht Gott an um ein Kind. Dabei legt sie ein Gelübde ab: Wenn du mein Elend siehst, Gott, und gibst mir ein Kind, dann soll es nachher ganz allein dir gehören. – So betet Hanna leidenschaftlich und unter Tränen. Sie merkt nicht, dass der Priester sie beobachtet. Der denkt, als er sie so heftig murmeln sieht, sie sei betrunken vom Fest und ruft sie zur Ordnung.  „Nein Herr“, sagt Hanna, „ich bin ein betrübtes Weib. Ich habe nichts getrunken, sondern mein Herz vor dem Herrn ausgeschüttet.“ Mutig ist sie und selbstbewusst. Sie entschuldigt sich nicht. Sie hat nichts ins sich reingeschüttet, wie man denken könnte bei solchem Kummer. Sie hat etwas ausgeschüttet, vor Gott. Und genau dazu ist der Tempel da. Sie macht also keinen Diener vor dem Diener Gottes. Und dieser Priester mit Namen Eli versteht sie auch. Wohl dem Seelsorger, der so schnell merkt, was dran ist. Er segnet Hanna:  „Geh hin in Frieden“. Sie geht los und spürt, sie ist gesegnet. „Sie sah nicht mehr so traurig drein“, wird erzählt. Jetzt hat sie auch hat wieder Lust, zu essen. Interessant, welche Rolle das Essen in dieser Geschichte spielt. Vielleicht so wie bei uns am Osterfest. Nach der Fastenzeit ist es schön, einen gesegneten Appetit zu haben. Und auch eine andere Lust regt sich bei Hanna, auch dieser Appetit ist ihr gesegnet. Sie schläft mit ihrem Mann und wird schwanger. Sie bringt einen Jungen zur Welt, den nennt sie Samuel. Der Name bedeutet, Gott sei Dank.

Hanna steht zu ihrem Versprechen. In einem Alter, in dem heute Kinder in die Schule kommen, bringt sie den kleinen Samuel zum Tempel. Eli soll ihn zum Priester ausbilden. Aber sie tut es nicht stumm. Hanna liefert ihren Sohn nicht einfach schweren Herzens ab, und denkt, nun wird schon alles seinen Gang gehen, sondern sie betet, singt und dichtet: Ein ganz bemerkenswertes Lied:

Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN, mein Haupt ist erhöht in dem HERRN.
Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils.
Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist.
Der Bogen der Starken ist zerbrochen, und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke.
Die da satt waren, müssen um Brot dienen, und die Hunger litten, hungert nicht mehr.
Die Unfruchtbare hat sieben geboren, und die viele Kinder hatte, die welkt dahin.
Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf.
Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht.
Er hebt den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche.

Starke Worte. An erste Stelle setzt Hanna den Dank. Die vorher ihren Kummer vor Gott ausgeschüttet hat, beschüttet ihn nun mit Lob und Fröhlichkeit. Doch es ist keine private Betroffenheitslyrik. Hannas Gebet hat einen ganz weiten Horizont. Was sie an Freude erfahren hat, will sie mit vielen teilen. Sie spricht von Dingen, die unerhört klingen, umwerfend, wie ein Protest. Alte Ordnungen werden radikal verändert. Bis in die Politik, bis in die Wirtschaft reicht ihre Vision. Aber der Umsturz ist keine Willkür. Die Revolution feiert nicht sich selbst. Es geht um die Menschen. Manches klingt dabei auch schmerzlich. Man fragt: Was soll diese Umkehrung der Verhältnisse? Man kann die Sätze wohl nur als Kontrast zu der Situation verstehen, aus der Hanna kommt. Endlich soll es einmal denen gut gehen, die bisher leiden. Endlich haben die Vorfahrt, die immer abgehängt werden. Die Hungernden werden satt, die Armen reich, die Unfruchtbare bekommt Kinder. Sogar die Unterwelt muss ihre Opfer rausrücken.

Ich höre diese Worte wie eine Widmung. Wenn Hanna schon ihren Sohn am Tempel abliefert, dann soll er nicht einfach hinter den dicken Mauern verschwinden. Er soll nicht so ein Priester werden, der nur Rituale feiert. Das ist Wunsch und ihre Hoffnung. Das möchte sie ihrem Samuel nicht nur hinter die Ohren, sondern ins Herz schreiben. Und sie weiß, der da oben, liest mit. Dieser Gott, der ihre Not gesehen und ihr ein Kind geschenkt hat, dieser Gott, der so viel Liebe hat, der solche Wunder tut, der wird hier von Hanna bei seiner eigenen Ehre gepackt. Dem singt sie etwas vor, und alle sollen‘s hören! Wenn sie ihm schon ihr Liebstes schenkt, spricht sie nicht nur ein jubelndes Dankgebet oder demütige Fürbitten. Sondern bringt auf den Punkt, was dieser Gott versprochen hat zu tun, was er jetzt schon tut und was er noch viel mehr tun muss in dieser Welt: Er holt die Elenden aus dem Dreck. Die Schwachen macht er stark. Was tot war, lässt er leben.

Kein Wunder, dass tausend Jahre später Menschen bei Hannas Geschichte an Ostern denken. In ihr leuchtet auf, was auch den Ostergeschichten mit Jesus ihren Glanz gibt. Da sind zum Beispiel die Freunde Jesu, die noch nichts von der Auferstehung gehört haben. Sie treffen sich am See, wo sie früher Fischer gewesen sind. Es ist früh morgens. Sie sehen auf das heruntergebrannte Feuer, das sie am Ufer gemacht haben. Einer denkt: So ist das jetzt mit uns. Das Feuer ist aus. Jesus tot. Wir hatten gedacht, es wird immer stärker, was wir mit ihm erlebt haben: Kranke werden gesund, Feinde versöhnen sich, Frauen, die immer zu Hause bleiben mussten, sind mit uns auf dem Weg. – Aber jetzt sind wir am Nullpunkt. Runtergebrannt bis auf die Asche. Und wie sie so da sitzen und vor sich hin brüten, kommt da einer vorbei. Wie geht’s, fragt er.  Er sieht die leeren Netze und weiß, was los ist. Nichts gefangen heute Nacht? – Dann fahrt doch einfach noch mal raus. Sie tun`s. Und die Netze sind voll, zum Zerreißen voll. Sie wissen sofort: Er ist es! Der Fremde ist Jesus. Er lebt.

Kein Wunder, dass wir nach solchen Ostergeschichten, selber Geschichten suchen, die sagen: Es stimmt, Hanna. So wie du gesungen hast, muss es sein:

Wenn ein Kind krank ist, so wie die kleine Sophie. Sehr krank war sie. Acht Tage nach der Geburt lag sie im Koma. Und die Mutter saß verzweifelt an ihrem Bettchen und hielt die kleine Hand. Hielt sie so fest, dass sie mit ihren Nägeln eine Wunde mitten in das kleine Händchen kniff. Eigentlich schrecklich. Doch davon wird das Kind wach. Und lebt. Kommt ganz ins Leben zurück. Behält aber lebenslang diese Narbe. Von der die junge Frau heute sagt, es ist meine schönste Narbe. Durch diese Wunde wurde mein Leben gerettet. Wunde und Wunder, die Worte hängen zusammen.

Wir freuen uns mit Dir Hanna und hören dein Lied, dass die Armen reich werden und die Ausgeschlossen einbezogen. So muss sein:

Wie dieser Mann erzählt, Gerkan. Als Kind türkischer Eltern ist er in Deutschland aufgewachsen. Es war schwer für ihn in der Schule. Bis zur fünften Klasse in Deutsch immer eine Fünf. Beim Diktat 50 Fehler auf zwei Seiten. Bis eine Nachhilfelehrerin kam, geduldig, kompetent, pingelig, aber so dass es der Junge geschafft hat, von der Hauptschule in die Realschule, vom Jobben am Bau zur Fachhochschulreife,  schließlich hat er sich politisch engagiert. Heute sitzt er im Bundestag, setzt sich ein, dass Menschen, die als Migranten in Deutschland gelandet sind, Fuß fassen können, dass sie mitkommen in der Schule, mitgenommen werden und ihren Weg finden, sich dann selbst für andere engagieren können.

Wir freuen uns mit dir Hanna – und singen dein Lied. Auch wenn unsere Geschichten nicht immer aussehen wie Wunder, wenn die Veränderungen manchmal kaum zu merken sind, und jemand schon froh ist, nur seinen Alltag zu bewältigen. So wie Beatrice. Sie ist 57, führt ein unscheinbares Leben, hat nur wenige Kontakte. Aber das findet sie gut. Endlich ist sie angekommen. Es gab Jahre, da war sie nach außen stark, Managerin, erfolgreich. Sie hatte einen Mann und einen Sohn, was viele sich nur wünschen. Aber alles war mühsam. Wie unter einem Panzer. Bis der dann aufbrach. Ein altes Trauma kam durch. Ihr Leben drohte auseinander zu fliegen. Aber sie gab sich nicht auf. Sie ging zur Therapie, stellte sich ihrer Geschichte. Und wurde frei. Freier als vorher. Jetzt lebt sie einfach nur für sich. Hat Kraft für etwas Schönes, fährt Rad, kocht, malt Bilder. Und sie weiß, sie muss auf sich achten.

Ich lebe und ihr sollt auch leben, sagt Jesus. Er sagt es allen, die er trifft, allen die seine Stimme hören. Er sagt es uns. – Mehr ist heute zu nicht sagen. Aber was wollten wir auch mehr hören als: Du sollst leben! Und die anderen sollen auch leben!

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