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Das Verpasste gehört zu mir
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Das Verpasste gehört zu mir

Dr. Paul Lang
Ein Beitrag von Dr. Paul Lang, Diakon und Lehrer für Latein, Musik und Religion in Amöneburg
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„Humoreske“ nennt man in der Musik ein heiteres, unbeschwertes Stück. Robert Schumann hat ein solches Werk 1839 für Klavier komponiert. Später schreibt er selbst darüber: „Sie ist wenig lustig, eher melancholisch. Jedenfalls will sie nicht oberflächlich erheitern.“ 
Schumanns Humoreske ist umfangreich, sie dauert fast 30 Minuten. Unterschiedlichste Formen vermischen sich in sieben Abschnitten zu einem Ganzen. Eigenartig und beispiellos ist, was im zweiten Abschnitt des Klavierwerkes geschieht: Zwischen den Noten für die linke und rechte Hand erscheint da ein drittes Notensystem. Eine dritte Hand ist aber weder vorhanden noch vorgesehen. Schumann beschriftet diese weitere Notenzeile als „innere Stimme“. Für den Zuhörer wird sie nicht hörbar. Es handelt sich um eine Musik, die der Klavierspieler selbst sich während des Spiels vorstellen, insofern auch wahrnehmen kann. Töne für das innere Ohr des Musikers. „Augenmusik“ nennt Schumann das an anderer Stelle.
Diese „innere Stimme“ in Schumanns Humoreske hat den slowenischen Philosophen Slavoy Žižek zu erstaunlichen Überlegungen inspiriert: Žižek fragt: „Wie ist das mit den unerfüllten Möglichkeiten meines Lebens? Wie ist das mit dem, was in mir steckt, das ich aber nicht verwirklichen kann?“
Žižek selbst gibt auf seine Frage diese Antwort:„Du bist nicht nur das, was Du sehen, hören, schmecken, greifen, riechen kannst. Du bist noch mehr. Du bist auch all die Alternativen, die Du nicht gelebt hast.“ Žižek nennt das, was somit unverwirklicht doch zu uns gehört, „reiches Leben“.
Er verweist auf einen alten Kellnerwitz. So karikiert er die Brisanz seines Gedankens. „Herr Ober, bitte einen Kaffee ohne Sahne!“. Der antwortet: „Haben wir heute nicht. Darf es auch ‚Kaffee ohne Milch‘ sein?“ Zu unserem Leben gehört auch das, was wir versäumt haben. Der Gedanke irritiert mich. Gleichzeitig fasziniert er mich aber auch.
Ich finde die Vorstellung ungeheuer entlastend: Ich muss nicht alles tun, verwirklichen, sagen. Es genügt, dass eine Alternative da ist. Unverwirklicht ist sie doch gegenwärtig.
Mir fallen eine Reihe alter Menschen ein. Viele von ihnen haben nur eine einfache Schulbildung genossen, um möglichst rasch einen Beruf auszuüben. Die historischen Umstände haben dazu geführt. Oder ich denke an junge Leute: Zwischen Alternativen in der Berufs- oder Studienwahl wählen zu müssen, quält sie.
Ebenso hat der Pianist mit seinen beiden Händen nur begrenzte Möglichkeiten auf seinem Instrument. Das hindert ihn aber nicht daran, in seinem Inneren noch viel mehr zum Klingen zu bringen.
Es gibt eine Welt hinter der, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen. Das Wissen darum und das Vertrauen darauf entlastet. So verstanden ist Leben reich. Es ist Leben ohne Angst davor, etwas zu verpassen, zu kurz zu kommen. Ein entlastender Gedanke!

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