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Das Reich Gottes ist kein Ponyhof
Bildquelle: David Mark/Pixabay

Das Reich Gottes ist kein Ponyhof

Hermann Trusheim
Ein Beitrag von

Hermann Trusheim,

Evangelischer Schulpfarrer, Hanau
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‚Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt …‘ – ob Sie dieses Lied – noch – kennen? Es war mal sehr populär. Ein Volks- und Kinderlied, das den Beginn des Agrarjahres bedingt – die Äcker werden zur Aussaat vorbereitet. Ich habe es im Kindergarten in einem nordhessischen Dorf gelernt.

Im vergangenen Jahr mussten wir unseren elterlichen Hof auflösen. Da waren etliche landwirtschaftliche Geräte zu vergeben. Fast alle haben Liebhaber gefunden – Egge, Sämaschine, Heuwender. Ich hatte mir schon vorher überlegt, welches Gerät ich für mich aufheben wollte. Es ist ein Pflug, so einer wie der, vor den der Bauer die Rösslein im März einspannt. Der Pflug steht jetzt in unserem Garten in Hanau.

Das sind meine frühen Kindheitserinnerungen: Vater spannt die Pferde ein und pflügt mit zwei PS. Es gab sogar noch einen Bauern im Dorf, der pflügte mit KS – Kuhstärken.

Noch heute zeigen Kinderbilderbücher mit Bauernhofmotiven solche Bilder. Aber die Idylle trügt. Pflügen war Schwerstarbeit für Mensch und Tier. Erst mal muss überhaupt der Pflug zum Acker kommen, auf dem pferdegezogenen Wagen. Der Einscharpflug liefert nur eine Furche. Und die soll sich genau an die vorige anschließen. Und gerade müssen die Furchen sein. Und immer gleichmäßig tief.

Das erfordert hohe Konzentration, großen Kraftaufwand und Durchhaltevermögen. Der Pflüger hat die Verantwortung, gleichzeitig die Tiere mit dem Geschirr zu leiten, den Pflug richtig zu halten und mit fester Hand zu führen. Und vor allem: genau hinschauen – beim Pferdepflug nach vorn.

‚Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt …‘ war schon immer eine stark vereinfachte und idealisierte Darstellung bäuerlichen Lebens - zu Recht kitschverdächtig. Die Wirklichkeit war schon immer viel rauer – und ist es heute noch.

Von wegen ‚Rösslein‘ – mit einem Pony geht’s wohl nicht. So unbeschwert und fröhlich, wie es das Lied schildert, ist das Landleben keinesfalls.

Mein Vater hatte sogar noch einen besonderen Spruch parat, mit dem er gern die Ernsthaftigkeit seiner Arbeit auf dem Acker betonte: ‚Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.‘

Nicht leicht zu verstehen ….

‚Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.‘ – Jesus hat das zuerst gesagt.

Um den Spruch zu verstehen, braucht es das alte Bild. Denn als ich das Pflügen lernte, musste ich zurücksehen. Wir hatten einen Traktor, oder wie wir sagen: ‚Bulldog‘ mit für unsere Verhältnisse opulenten 36 PS und einen Zweischar-Wendepflug hinten dran.

Ich musste also beim Pflügen immer wieder nach hinten sehen, damit die Furchen gerade wurden und ich nötigenfalls die Pflugtiefe regulieren konnte – genau hinsehen hieß für mich: nach hinten schauen.

Jesus spricht vom Reich Gottes. Das ist für ihn keine jenseitige Größe. Das beginnt nicht am Sankt Nimmerleins-Tag, sondern schon im Hier und Jetzt. Reich Gottes ist die Welt, wie Gott sie sich wünscht. Da geht es gerecht zu. Niemand wird ausgegrenzt. Glaube und Handeln stimmen überein.

Das Reich Gottes ist für Jesus bereits angebrochen - es ist schon da, und Gott wird es ganz sicher vollenden. Für den Menschen gilt Jesu Aufforderung, schon jetzt als Bürger des Reiches Gottes zu leben. Jesus nennt das Nachfolge.

Wenn Jesus erklärt, was das genau bedeutet, verwendet er dazu gern Bilder und Vergleiche aus seiner Alltagswelt, besonders aus dem Landleben. Unscheinbar wie das kleinste Samenkorn fängt das Reich Gottes an und wird doch zu einer riesigen Pflanze. Unglaublich erscheint die Botschaft von der Wirklichkeit Gottes in meiner Welt und meinem Leben – aber sie wird sich durchsetzen. So wie ein Sämann sicher sein darf, dass es eine Ernte gibt, auch wenn nicht alle Samen aufgehen. Gott sorgt dafür. In diesen Optimismus nimmt Jesus mich mit – in aller Ernsthaftigkeit. Darum geht’s in der Nachfolge.

Der Evangelist Lukas hat den Spruch ‚Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes‘ an den Schluss einer Rede Jesu gestellt, in der es um die Entscheidung geht, sich auf die Botschaft vom Reich Gottes einzulassen. ‚Vom Ernst der Nachfolge‘ steht in der Lutherbibel als Überschrift dazu.

Ja, ich glaube, darum geht es: um Konzentration, Kraft, Durchhaltevermögen, um das genaue Hinschauen – genau wie beim Pflügen damals und heute. Das ist anstrengend, doch es gilt die Verheißung: Gott sorgt dafür, dass es gut wird.

Das Reich Gottes ist kein Ponyhof. Nicht mit Idylle zu verwechseln und kein Ort für Retro-Romantik, erst recht keine Vertröstung auf ein Paradies dermaleinst. Das Reich Gotts ist da, es wächst und Gott wird es vollenden.

Als Bürger des Reiches Gottes stelle ich mich den Herausforderungen meiner Zeit, nehme Stellung und handle. So, wie es Jesus vorgibt: Eintreten für die Menschen, für die Schöpfung.

Wie ich für die Schöpfung eintreten kann? Jedenfalls nicht so: Eine Supermarktkette verwendet den Werbespruch: ‚Unsere Lebensmittel verdienen einen Preis: den Niedrigsten‘. Da gerate ich in Zorn. Ich weise den Marktleiter darauf hin, dass das Verachtung der Schöpfung bedeutet – also bitte entfernen.

Es ist ungerecht, wenn Bauern alleinschuldig gemacht werden für Missstände in Tierhaltung und Bodenbewirtschaftung. Das Verursacherprinzip schließt Handel und Verbraucher mit ein.

Wenn Politikern angesichts dieser Probleme nichts anderes einfällt als Apelle, halte ich das für feige. Sie sind gewählt, um Verantwortung für Menschen, Tiere und Umwelt in Handeln umzusetzen.

Stimmt schon: nicht einfach, hier was zu erreichen.

Jesus hat das Bild vom Pflüger gut gewählt: Genau hinschauen, dran bleiben, dann werde ich immer geschickter für das Reich Gottes. Denn das kann ich lernen: Geschicklichkeit.

So wie beim Pflügen. Das gelingt auch nicht sofort am Anfang. Es ist gut, sich da Rat und Anleitung zu holen. Von anderen, die das schon eine Weile machen – und für die Geschicklichkeit im Reich Gottes auch im Gebet.

Für mich ist die Botschaft Jesu vom Reich Gottes Zuspruch und Anspruch zugleich. Als Bürger im Reich Gottes bin ich nicht allein. Andere wollen mit mir da leben. Da ist Jesus, der für mich Orientierung bedeutet, in dem, was er sagt und tut. Es wird nicht immer alles gelingen, was ich mache, es wird sogar Rückschläge geben. Aber ich darf darauf vertrauen, dass Gott Anfänge vollendet.

Bei mir fängt manches auch klein an: mit selbstgezogenen Kräutern. Mein Pflug kommt zwar nicht mehr zum Einsatz, aber ich habe mir vorgenommen, wenigstens Möhren drum herum zu pflanzen, vielleicht kommen noch Kartoffeln dazu. Dann sieht’s auch ein wenig nach Acker aus.

Und auch sonst: aus kleinen Anfängen ist in meiner ehemaligen Gemeinde viel gewachsen – meine Konfi-Teamer von damals sind jetzt im Kirchenvorstand und sprühen über vor kreativen Ideen und Aktionen. Die Evangelische Schule, die wir vor 15 Jahren gegründet haben, wird jetzt sogar erweitert.

Der Pflug in unserem Garten ist mehr als ein romantisches Relikt – Hinweis darauf, dass das Reich Gottes kein Ponyhof ist. Wer noch Platz hat und vielleicht auch so ein Denk-mal brauchen kann: Kartoffelroder und Schrotmühle sind noch zu haben …

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