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Das Leben von unten
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Das Leben von unten

Michael Becker
Ein Beitrag von Michael Becker, Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Sein Aufstieg war rasant; das muss man so sagen. Vizechef schon nach fünf Jahren. Jens war oben angekommen, mit Ende dreißig. Dort sah er nur sich. Der Abstieg aber ging noch schneller. Die Firma wurde verkauft, Jens entsorgt. Nach drei Tagen und einer Abfindung war er ohne Arbeit. Und bitter. So schnell geht das. Viele haben es kommen sehen, er nicht. Er wollte es nicht sehen, weiß Jens heute. Er sah nur seinen Erfolg. Dass er auf dünnem Eis lebte, wollte er nicht wissen. Er merkte es, als ihm kein Wecker mehr klingelte. Und an der Bitterkeit, nicht mehr gebraucht zu werden. Das tut weh. Tag für Tag ohne Aufgabe.

Doch, eine hatte er noch. Seinen Onkel besuchen. Der lebte im Altenheim. Heute sagt man „Seniorenheim“, damit es schön klingt. Es war aber nicht schön. Viele Bewohner, wenig Personal. Jens ärgerte sich oft und fing an, Hand anzulegen. Den Onkel freute das. Der Onkel hat mich gerettet, sagt Jens heute. Zum Schluss ging er fast jeden Tag hin. Brachte Obst mit, schnitt es klein, machte auch mal das Waschbecken sauber. Bis eines Tages der Onkel sagte: Junge, sagte er, das wär‘ doch was für Dich; hier brauchen sie Dich. Der Onkel hat mich gerettet, sagt Jens.

Ein Wink des Himmels, denkt Jens heute. Lange sah er den Wink nicht. Dann hat er’s doch versucht. Die Umschulung war hart. Er musste das Leben neu lernen. Von unten, vom Ende her. Wo kaum Erfolg ist, aber viel Wärme nötig. Das Gehalt ist nicht üppig, kein Vergleich zu früher. Der Schichtdienst ist oft schlimm. Schön ist, wenn seine Freundin die gleiche Schicht hat. Und Bewohner sich freuen; er gebraucht wird. Weil er lachen kann. Und so schön betet. Weil er Menschen sieht, nicht Alte. Jens ist zum Glück geworden. Für andere. Und sich. Der Onkel hat’s geahnt. Zukunft hat, wer gebraucht wird.

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