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Danken und teilen gehören zusammen
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Danken und teilen gehören zusammen

Guido Hepke
Ein Beitrag von

Guido Hepke,

Evangelischer Pfarrer, Weilburg

Erfroren, verhagelt, abgesoffen. Für viele Landwirte war die Ernte in diesem Jahr nervenaufreibend. Dauerregen, Hagel und Sturm drückten die Halme nieder. Viele Felder standen unter Wasser. Das bedeutete Zwangspausen für die Traktoren. Manchmal wochenlang. Und selbst dann kamen Erntemaschinen nur mit Ketten über den Acker. Viele Bauern hatten überhaupt nur an wenigen Tagen die Chance, ihr Getreide zu dreschen. Manche Landwirte entschieden sich, mit dem Mähdrescher loszufahren, obwohl der Weizen noch viel zu feucht war.

Eine Bäuerin aus der Nähe von Weilburg erzählt mir, warum sie das macht. Sie sagt: „Die Körner müssen dann zwar nachträglich getrocknet werden, um lagerfähig zu sein. Das kostet extra, und nicht zu knapp. Doch was soll ich machen? Wenn ich zu lange warte, dann verliert das Getreide am Halm seine Qualität. Ich kann das dann nur noch als Futterweizen verkaufen. Für den bekomme ich viel weniger Geld als für Brotgetreide. Wenn ich dann überhaupt noch etwas ernten kann.“ So erklärt es mir die Bäuerin.

Schon zum zweiten Mal in Folge bleibt die Ernte bei uns unter dem langjährigen Durchschnitt. Nicht nur beim Getreide. Auch die Obstbauern beklagen heftige Einbußen. Plötzlicher Frost im April ließ die Blüten erfrieren. So schrumpfte die Ernte um 80 Prozent. Trotzdem gibt es in den Supermärkten genauso viel Obst und Gemüse wie in anderen Jahren. Und obwohl weniger Getreide geerntet wurde, wird auch das Brot nicht teurer.

Die Bäuerin erklärt mir den Zusammenhang: „Was wir nicht produzieren können, das wird aus anderen Ländern eingeführt. So ist es ja auch umgekehrt. Wenn wir eine gute Ernte haben, dann verkaufen wir unsere Überschüsse auf der ganzen Welt.“ Die Bäuerin meint: „Auch wir Landwirte produzieren längst für den globalen Markt. Der hat auch sein Gutes: Eine schlechte Ernte lässt sich so ausgleichen. Zumindest in den Ländern, die so reich sind wie Deutschland.“ So sieht es die Landwirtin, mit der ich spreche.

Früher war das anders. Da hatten massive Ernteausfälle immer wieder furchtbare Folgen. Auch hier bei uns in Deutschland galt bis in die 1940er Jahre: Wer nichts erntet, hat danach auch nichts zu essen. Den Menschen früher war bewusst: Wir sind abhängig von dem, was die Natur uns gibt. Diese Abhängigkeit ist heute nicht mehr so stark. Das hat seine guten Seiten.

Wir haben uns ein Stück weit von der Natur unabhängig gemacht. Trotzdem fühlen sich auch heute viele Menschen mit der Natur verbunden. Mir geht das so. Mindestens an jedem zweiten Tag drehe ich eine Runde durch unseren Garten. Was ist gewachsen? Stehen die Erdbeeren gut, die ich neu gesetzt habe – oder brauchen die noch etwas Wasser? Immer gibt es etwas zu tun. Bei der Arbeit im Garten fühle ich mich verbunden mit Gottes Schöpfung. Ich versuche, für die Pflanzen zu sorgen. Doch gegen Wind und Wetter kann ich nichts machen. Meine Möglichkeiten sind begrenzt. Daher fühle ich mich reich beschenkt, wenn ich etwas ernten kann.

Der Dichter Matthias Claudius beschreibt dieses Lebensgefühl in einem Lied:

Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land.
Doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand.
Der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf; und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf.
Alle gute Gabe kommt her von Gott, dem Herrn.
Drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt, und hofft auf ihn!

(EG 508)

Alle gute Gabe kommt her von Gott, dem Herrn. Drum dankt ihm – und hofft auf ihn. Das meinte schon der Dichter Matthias Claudius. 1783 schrieb er ein Gedicht. Unter dem Titel „Wir pflügen und wir streuen“ steht es im Evangelischen Gesangbuch. Zum Erntedankfest heute wird das Lied in vielen Gottesdiensten gesungen.

Vor 200 Jahren war der Text allerdings noch etwas länger als heute. Das Gedicht erschien zu allererst im „Wandsbecker Bothen“. Unter dem Titel „Peter Erdmanns Fest“ stand es in der Hamburger Zeitung. Matthias Claudius erzählt in seinem Gedicht von einem ziemlich arroganten Adligen. Ihm stellt er eine Gruppe fleißiger Landarbeiter gegenüber. Sie sind die wahren Adligen, denn sie haben ihr Herz am rechten Fleck. Sie halten das, was sie haben, nicht für selbstverständlich. Beim Erntedankfest tragen sie ein Lied vor. Sie singen von den Mühen ihrer Arbeit. Aber das ist nicht das Entscheidende:

Gott lässt die Sonn aufgehen; er stellt des Mondes Lauf.
Er lässt die Winde wehen und tut den Himmel auf.
Er schenkt uns so viel Freude, er macht uns frisch und rot.
Er gibt den Kühen Weide – und unsern Kindern Brot.


Die Verbundenheit mit der Natur weitet den Blick. Alles Leben ist Gottes Schöpfung. Matthias Claudius sagt: Alles Gute, das ich erfahre, verstehe ich als ein Geschenk. Ich bin Gott dankbar für alles Schöne, das mein Leben ausmacht. Der Dichter greift damit einen Gedanken aus der Bibel auf. In Psalm 104 wird Gott so angeredet:

Aus den Wolken um deinen Palast lässt du Regen auf die Berge niedergehen.
Wind und Wetter, die du gemacht hast, schenken der Erde ihre Fruchtbarkeit.
Für das Vieh lässt du saftiges Gras wachsen und Getreide für den Ackerbau des Menschen.
So wird Brot aus der Erde hervorgebracht und Wein, der das Menschenherz erfreut.


Mir gefallen diese Sätze aus der Bibel. Sie machen deutlich, wie sehr alles miteinander verbunden und verwoben ist. Wenn ich durch die Wiesen und Felder rund um meine Stadt Weilburg spaziere, dann empfinde ich das ähnlich. Ich kann weit über die Hügel und Berge schauen und spüre: Ich bin ein Teil dieser Welt. Ich bin hineingestellt in Gottes wunderbare Schöpfung.

Zugleich sehe ich auch: Diese Welt ist verletzlich. Natürlich braucht es Dünger, damit Mais und Getreide wachsen können. Aber zu viel Dünger verdirbt das Grundwasser. Jeder Eingriff in die Natur hat Folgen. Dabei ist der Grat schmal zwischen dem, was gut ist – und dem, was dem Leben schadet. Das sehe ich nicht nur bei uns in Weilburg. Wegen erhöhter Nitratwerte im Grundwasser gibt es hier eine Debatte über Methoden in der Landwirtschaft. Die Wirbelstürme in der Karibik, die anhaltende Dürre in Ostafrika oder auch die Monsununwetter in Asien zeigen: Der vom Menschen verursachte Klimawandel hat inzwischen dramatische Folgen. In anderen Ländern viel heftiger als hier bei uns.

Das Erntedanklied von Mathias Claudius macht mir bewusst: Wir Menschen sind ein Teil von Gottes Schöpfung. Diese Erde ist uns anvertraut. Wir sind verantwortlich für den Erhalt der Natur. Im Kleinen heißt das: Ich speichere das Regenwasser in großen Fässern, um damit im Sommer meinen Garten zu bewässern. Oder ich versuche, möglichst viele Wege mit dem Rad zurückzulegen. Mit meinem E-Bike klappt das sogar im hessischen Bergland ganz prima.

Die Erde ist uns anvertraut. Das wussten die Menschen in früheren Zeiten. Vor 50 Jahren gab es hier bei uns in Weilburg noch sehr viele kleine Bauernhöfe. Die Männer arbeiteten in der Früh in den Eisenbergwerken. Davon gab es viele in der Region. Aber am Nachmittag spannten sie das Pferd vor den Wagen – und dann ging es hinaus aufs Feld. Das war eine mühsame Arbeit. Moderne Traktoren gab es zwar schon. Aber die waren viel zu teuer für die meisten dieser kleinen Betriebe. Die Äcker waren nur ein paar Fußballfelder groß. Aber die Familien hatten ihre eigenen Kartoffeln, ihr eigenes Gemüse. Die Kuh im Stall und ein paar Kaninchen, Hühner und vielleicht sogar ein Schwein sorgten dafür, dass die Bauerfamilien sich selbst mit Lebensmitteln versorgen konnten. Bei einer guten Ernte konnten sie die Überschüsse verkaufen. Oder sie haben dem Nachbarn abgegeben, dem es nicht so gut ging.

Völlig klar war damals: Die Leute im Dorf halfen einander, um die Ernte einzubringen. Anders ging das ja gar nicht. Die Erntezeit drängte – und es gab nicht so viele Maschinen. Also war „manpower“ gefragt. Alle packten mit an. Auch die Kinder halfen mit. „Kartoffelferien“ hießen damals die schulfreien Wochen im Herbst. Wenn alles geschafft war, dann wurde ordentlich gefeiert.

So ist das bis heute. Dabei arbeitet kaum noch jemand in der Landwirtschaft. Auch die Bergwerke sind längst verschwunden. Aber viele Menschen hier in der Region um Weilburg, wo ich lebe, haben nach wie vor einen Nutzgarten. Manchmal gibt es das auch heute noch. Wenn einem die Arbeit zu schwer wird, dann hilft ein Nachbar dem anderen. Und anschließend wird gefeiert.

Alle diese Erinnerungen schwingen mit, wenn in unserer Gemeinde das Erntedankfest gefeiert wird. An diesem Wochenende ist es wieder so weit. Der Altar wird geschmückt: mit Kartoffeln, Äpfeln und Gemüse. Auch Maisstauden und Getreidegarben werden bei der Ernte extra aufgespart, um damit die Kirche zu schmücken. So wird ein Stück von Gottes wunderbarer Schöpfung in die Kirche hineingeholt. Vor oder nach dem Gottesdienst sitzt dann die ganze Gemeinde bei Kaffee und Kuchen zusammen. In manchen Dörfern wird dazu sogar der Kirchenraum umgebaut: Die Festtafel steht gleich vor dem Altar. Alle packen mit an, stellen die Tische in die Kirche und decken sie mit selbstgebackenem Kuchen.

Ich finde diese Tradition wunderschön. Nicht nur, weil ich gerne Kuchen esse. Der Erntedank-Brauch macht sichtbar: Vieles schaffen wir nur gemeinsam!

Das gilt nicht nur für die Ernte. Auch in vielen anderen Lebensbereichen können Menschen einander unterstützen. Im letzten Jahr erzählte mir beim Kaffee eine ältere Dame von ihren Sorgen.
Sie sagte: „Mein Mann ist vor einem halben Jahr gestorben. Wir waren fast 50 Jahre verheiratet. Jetzt bin ich zu meinem Sohn gezogen, damit ich nicht so viel alleine bin. Aber der muss doch den ganzen Tag arbeiten. Die Schwiegertochter auch. Hier kenne ich doch niemanden.“ In unser Gespräch schaltete sich eine weitere Dame ein, die mir gegenübersaß. Sie lud die Witwe zur nächsten Wanderung des Heimatvereins und zur Frauenhilfe ein. „Wenn Sie mögen, hole ich Sie auch ab“, sagte sie.

Konkrete Hilfe an der Erntedank-Kaffeetafel: Beim gemeinsamen Essen und Trinken kommen Menschen miteinander ins Gespräch. Sie teilen Kuchen, Brot und Sorgen – und helfen einander. So wächst das Miteinander

Zusammensitzen und miteinander reden, und dabei etwas essen und trinken. Tischgemeinschaft tut gut. Und wo keine Tische vorhanden sind, da reicht auch eine Picknickdecke, auf die man sich im Kreis setzt. Wenn alle zusammen helfen und teilen, können Wunder geschehen. Dazu gibt es in der Bibel eine Geschichte über Jesus.

Jesus war den ganzen Tag schon auf den Beinen. Seine Jünger waren bei ihm. Und noch viele andere. Tausende sollen es gewesen sein. Den ganzen Tag lang hatte Jesus erzählt. Von Gott und der Welt geredet – davon, wie alles zusammenhängt: Wenn ich auf den lebendigen Gott vertraue, dann hat das Auswirkungen auf mein Leben. Ich erkenne, dass auch mein Gegenüber von Gott geliebt ist. Selbst der, den ich nicht leiden kann. Ich begegne ihm mit mehr Respekt. Langsam wird es Abend. Die Menschen sind hungrig. Die Freunde von Jesus spüren das.
Sie wollen die Leute ins Dorf schicken, damit sie sich etwas zu essen besorgen. Doch Jesus schlägt etwas Anderes vor. „Gebt ihr ihnen zu essen!“. Sagt er. Den Jüngern stockt der Atem. Wie soll das funktionieren? Ohne Vorräte? Sie haben gerade einmal fünf Brote und zwei Fische. Das ist selbst für die zwölf Jünger und Jesus ziemlich wenig.

Jesus hat einen Vorschlag: Die Jünger sollen dafür sorgen, dass sich die vielen Menschen in kleinen Gruppen zusammensetzen. Mit oder ohne Picknickdecke – die Leute sollen einander ins Gesicht sehen können. Dann nimmt Jesus die wenigen Lebensmittel, die sie selbst dabei haben. Er legt sie vor sich und faltet die Hände. Jesus dankt für all das Gute, das ihnen zum Leben geschenkt ist. Und dann teilen alle miteinander, was sie haben. Was dann geschieht, das ist ein Wunder. Denn alle werden satt. 5000 sollen es gewesen sein.


Ob hier nun wirklich die Naturgesetze durchbrochen wurden – und sich Brot und Fische in nicht erklärbarer Weise vermehrt haben, das weiß ich nicht. Wenn Gott der Schöpfer des Universums ist, dann kann er auch Naturgesetze außer Kraft setzen. Aber ich glaube, das ist nicht entscheidend. Denn ein Wunder wäre es auch auf andere Weise: Die Menschen lassen sich durch das Beispiel anstiften, das Jesus gibt. Sie sehen einander an und teilen das, was sie an Lebensmitteln mit dabei haben. Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt.

Pandachí ist ein abgelegenes Andendorf im Norden Perus. 72 Familien wohnen hier auf rund 2.000 Metern Höhe in Hütten aus Lehmziegeln und Wellblech. Fast alle leben von kleinbäuerlicher Landwirtschaft. Ihr größtes Problem ist die Trockenheit. Es regnet nur kurze Zeit. Durch den Klimawandel wird es immer schlimmer. Die Erträge der Felder sinken. In manchen Jahren gibt es kaum etwas zu ernten. Besonders die Kinder sind unterernährt.

Mit Hilfe der Aktion „Brot für die Welt“ haben die Bauern jetzt Zisternen gebaut und sammeln darin das Regenwasser. Alle packen mit an. Die Mitarbeiter der peruanischen Partnerorganisation von „BROT für die Welt“ erklären, was wie gemacht wird: Bewässerungsrohre werden auf die Felder verlegt. Einfache Sprenkleranlagen verteilen sparsam das Wasser. Das Gemeinschaftsprojekt ist ein voller Erfolg: In diesem Jahr konnten genug Mais, Bohnen und Quinoa geerntet werden. Alle werden satt – und es bleibt sogar noch etwas übrig.

Eine Bäuerin sagt: „Ich bin dankbar für diese Hilfe von „BROT für die Welt“. Menschen haben uns geholfen, obwohl sie uns nicht kennen. Diese Solidarität gibt uns so viel: Wir fühlen uns nicht mehr allein gelassen.“ Und sie sagt weiter: „Das hat uns die Kraft gegeben, gemeinsam anzupacken. Unser Dorf hat sich verändert. Das Miteinander ist stärker geworden.“ So hat sie es erlebt.

Weil die Bauern zusammen vieles selber gemacht haben, musste nur das Material für die Bewässerungsanlage gekauft werden. Nicht einmal 500 Euro pro Hektar Ackerfläche hat das Ganze gekostet. Wenig Geld – und eine große Wirkung. Auch in anderen Dörfern Perus gibt es nun ähnliche Bewässerungsprojekte.

Am Erntedanksonntag bitten wir in Weilburg um Unterstützung für dieses Projekt. Am Ende des Gottesdienstes sammeln wir für „BROT für die Welt“. Und wer will, kann sich vom geschmückten Erntedank-Altar etwas mitnehmen: Äpfel, Kartoffeln oder Salat. Gerade am Erntedank-Sonntag wird auf diese Weise deutlich: Danken und Teilen gehören zusammen.

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