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Begeistert leben
Bild: Kalhh/Pixabay

Begeistert leben

Norbert Mecke
Ein Beitrag von

Norbert Mecke,

Dekan, Evangelischer Kirchenkreis Melsungen
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Was ist der perfekte Tag? So ein Tag, wo alles hundertprozentig ist? Manche Tage sind so was von nah dran:

Für Jannes zum Beispiel: Kriegt vormittags in seiner Abi-Klausur genau das Thema, auf das er gepokert hatte. Kommt am selben Nachmittag heim und da liegt sie in seinem Briefkasten: die Zusage für ein duales Studium bei seiner Traumfirma! Der perfekte Tag: Ja! 

Bei guten Freunden verläuft die Geburt des ersten Kindes total komplikationsfrei und schon abends liegt die neue kleine Familie erschöpft aber glücklich daheim im großen Bett: Für alle Freunde gibt´s ein Bild per WhatsApp. Das Glück strahlt nur so aus dem Foto heraus: perfekt!

Oder erinnern Sie sich? Da gewinnt Deutschland 2014 im WM-Halbfinale sagenhaft 7:1 gegen Brasilien und fünf Tage später in der Verlängerung auch noch das Finale. Ein perfekter Sommerabend. Erst wird gegrillt, dann gehupt, gesungen, und Wildfremde liegen sich in den Straßen in den Armen. 

Irgendwann hatten Sie bestimmt auch schon mal so einen richtigen Ausstoß von Glückshormonen. Dann wissen Sie: Begeisterung packt einen richtig! Mit Schauer auf dem Rücken und breitestem Lachen im Gesicht! Die Worte sprudeln nur so aus einem heraus. Am liebsten würde man die Welt umarmen und den Moment in Stein meißeln:

In solchen Momenten feiert es in einem. Ganz ohne Anleitung und lange Planung. Das ist nicht machbar, sondern mitreißend. Und mancher vergisst das Datum nie: 

"Ich weiß noch genau, wie damals die Zusage kam!" – "Hier, das Foto: Unser Kleiner im großen Ehebett und wir stolzen Eltern links und rechts!" – "Komm, noch einmal die sieben Tore sehen und das Finale mit Schweini: völlig abgekämpft, aber trunken vor Glück mit dem Pokal!" – und schon steigt das Kribbeln wieder auf.

Kirche ist ganz groß im Erinnern an Daten und im "Weißt Du noch!?" An Pfingsten zum Beispiel. Da liegt Kribbeln in der Luft. Die Bibel beschreibt Pfingsten so: Zunächst sitzen die Freunde von Jesus in Trauerstimmung zusammen: Er ist nicht mehr bei ihnen. Sie sind verunsichert, wie es mit ihnen weitergehen soll. 

Da finden sich viele von uns drin wieder: Wir hätten ja erstmal gerne die gute alte Normalität wieder! Von Wellen der Begeisterung wagt man ja kaum zu träumen im Jahr 2020. Nix "La Ola" und Fußball-Spielfreude. Die EM, die in zwei Wochen hätte starten sollen: gestrichen. 

Und daheim: Der schöne Moment mit dem klitzekleinen Nachwuchs scheint Lichtjahre entfernt, wenn der inzwischen pubertäre Spross die Zimmertür knallt und schreit: "Lasst mich einfach in Ruhe!"

Und in der stressigen Examensphase kommt Jannes die Euphorie damals beim Studienbeginn plötzlich reichlich naiv vor.

In alledem, sind wir trotzdem nah an Pfingsten. Da saß vor 2000 Jahren in Jerusalem ein Grüppchen mehr oder weniger frustrierter Jesus-Anhänger. Auf der Suche nach einhundert Prozent Leben, hatten sie das Gefühl gehabt, bei Jesus an der richtigen Adresse zu sein. Als er hingerichtet wurde, war das der Shutdown aller Hoffnung. Und die Nachricht von der Auferstehung: Die klang so weltfremd - zu schön um wahr zu sein! 

Die Freunde von Jesus sind ratlos. Gilt das überhaupt noch, was Jesus erzählt hat: Dass Gott liebt und nah ist? Dass Vertrauen, Barmherzigkeit und Vergebungsbereitschaft zählen? Schreibt Gott wirklich mit Jedem Geschichte? Das fühlte sich gerade alles ganz anders an! Ihre Hoffnungslosigkeit steckt sie untereinander an: Ganz davon infiziert und mutlos ziehen sie sich in so etwas wie eine selbstgewählte Quarantäne zurück: 50 Tage lang. 

Und dann ist es auf einmal wie bei einem aufkommenden Sturm. Er fegt durchs Haus. Himmlisches Rauschen. Es folgen feurige Herzen und glühende Köpfe. Alle sind plötzlich erhitzt, beglückt und geradezu ekstatisch, trunken vom Zauber des Moments. Fremde verstehen sich. Jeder findet überraschend Worte dafür, dass er sich Gott ganz nah fühlt. Staunen: Ja, so soll es sein. So kann es bleiben! 

Plötzlich ist alles stimmig. Die ganze Sache mit Jesus. Es hat "Klick gemacht". "Alles passt perfekt zusammen, weil endlich alles stimmt und das Herz gefangen nimmt!" – Pfingsten ist einhundert Prozent Begeisterung. Und genau darin liegt die Initialzündung der Kirche!

Es ist plötzlich Wind in die Sache gekommen! Nicht etwa über eine Verordnung, was man wieder darf. Keine Lockerungsübung gegen depressive Gemütszustände. Plötzlich weht ein neuer Geist. Und der weht von Null auf Hundert! Als hätte einer den Schalter umgelegt. Nein: Weil Gott den Schalter umgelegt hat!

Pfingsten hält die Grunderfahrung der Kirche fest: Die Initialzündung ist von außen gekommen. Sie besteht nicht in einem Programm. Sie ist Inspiration.

Das ist ein tolles Wort: Inspiration, wörtlich: "Geist-Einhauchung". So stellt sich die Bibel schon die Erschaffung der Menschen bildlich vor: Konstruiert von Gott, dann haucht er ihnen Leben ein – und los geht´s! 

Pfingsten ist es neues Leben. Da geht mehr als ein Hauch Gottes durch die Reihen. Ein Sturm – und es gibt kein Halten mehr vor Begeisterung.

Noch so ein wunderbares Wort: "Begeisterung". "Es hat mich gepackt!" – kann ich antworten, wenn ich nach dem Grund meines Glaubens gefragt werde. Die Initialzündung ist von außen gekommen. Gott hat mich begeistert. Er hat es irgendwann geschafft, mich in meiner "Muttersprache" anzusprechen. So, dass ich verstanden habe: 

"Das mit Jesus hat mit mir zu tun!" Es ist seine Geschichte mit mir. Er ist Feuer und Flamme für mich. Ein Geschenk, darauf vertrauen zu können! Wer´s kann, dem ist Gottes Geist längst begegnet!

Mit Pfingsten ist es wie mit einem Song, der im Radio gespielt wird. Nie werden alle sagen: „Genau mein Lied! Genau meine Stimmungslage! Geht ins Herz und in die Beine! Da muss ich einfach mitsingen und tanzen.“ Genauso löst Pfingsten nicht auf Knopfdruck Begeisterung aus. 

Vielleicht ist Vieles in unseren Tagen überhaupt nicht zum Singen und Tanzen: Wer ist schon daheim einsam und allein in Zeiten von Kontaktbeschränkungen beswingt und beseelt? Oder zum Bespiel als Ladenbesitzer, der nicht weiß, ob das Geschäft die Krise übersteht? 

Aber eine Ahnung, wie es sein soll und gut wäre, haben wir alle. Die Corona-Zeit lehrt, was im Leben zählt. Und manchmal leuchtet es auch in kleinen Momenten auf, die uns erfüllen. Wie eben ein Lied im Radio kommt, das uns zum Schwingen und Strahlen bringt – und alles, was belastet, ist wie weggeblasen.

Es ist vielleicht nicht alles so, wie es sein und bleiben soll. Pfingsten malt vor Augen: "Es ist aber immer so, dass Gott etwas möglich machen und es werden kann!"

Kirche feiert heute, dass von solcher Begeisterung herkommt. Es ist wie in jeder Partnerschaft, Familie oder als Fußball-Fan. Die Begeisterung kommt nicht an jedem einzelnen Spieltag auf. Aber das Feuer brennt. Auf jeden Fall auf Gottes Seite. So bleibt es. 

Wir sind oft noch auf der Suche. Längst ist nicht alles perfekt im Leben. Aber ich bete um Begeisterung. Um diesen Geist, der Mutlosen neue Inspiration und gedämpften Herzen neues Feuer gibt.

Begeisterung im Glauben muss mich ergreifen. Ich kann sie nicht machen. Aber öffnen kann ich mich. Beten ist eine Haltung: Mich ausstrecken. Gerade in Krisenzeiten: Gott lässt sich finden mitten in meiner Sorge, wie es weiter geht. Mitten in schlaflosen Nächten und allem, was runterzieht. Oder wenn ich einfach nicht mehr weiß, wie lange ich noch Geduld mit allem habe, was mich einschränkt, meine Pläne durchkreuzt oder nix mehr richtig planen lässt. "Gott, ich erwarte was von Dir! Neue Hoffnung und Kraft. Gerne mehr als einen Hauch!"

Wie damals an Pfingsten soll in alle Welt überlaufen, dass sich mein Gott zu mir hält. Und zu Dir! Jesus hat schließlich versprochen: Sein Geist stärkt unseren Lebensmut. Sein Geist erinnert an seine Worte, und dass sie sich bewähren. Er verwandelt Trauer in Freude. Und er weht nicht nur durch Häuser. Er lässt im Kopf aufleuchten, was im Leben zählt, und weht es dann ins Herz: Vertrauen auf Gottes Liebe. Verständnis für die Mitmenschen. Wo das passiert, ist Pfingsten.

Vielleicht fühle ich davon oft nur die Hälfte. Oder sogar weniger. Aber es macht mich leichter. Freier. Beswingter. Zuversichtlicher. Weitherziger. Begeistert für das Leben.

Gottes Geist weht. Hundertprozentig. Frohe Pfingsten!   

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