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Alexa, sprich ein Gebet mit mir!
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Alexa, sprich ein Gebet mit mir!

Pia Baumann
Ein Beitrag von Pia Baumann, Evangelische Pfarrerin, Frankfurt-Bockenheim
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„Das übersteigt möglicherweise mein Fähigkeiten.“ antwortet die digitale Stimme meines Handys.  Es gibt einige sogenannte Sprachassistenten, meine heißt Siri.

Ich habe sie gefragt, ob sie für mich beten kann. Kann sie nicht. Schade. Denn eigentlich kann sie ziemlich viel.

Im Urlaub habe ich ganz altmodisch Postkarten von Hand geschrieben. Da hat Siri für mich aus meinem Adressbuch die passende Anschrift rausgesucht. Auf Kommando.

Wenn ich morgens nicht recht weiß, was ich anziehen soll, liest sie mir die Wettervorhersage vor. Wenn ich sie darum bitte, führt sie meine Einkaufsliste oder spielt meine Lieblingsmusik. Sie ist durchaus nützlich.Wenn ich wollte, könnte sie sich mit meiner Waschmaschine vernetzten und sie für mich anstellen.

Nur für mich beten, das kann sie aber nicht. Noch nicht. Das könnte sich bald ändern. Denn „Alexa“, die Sprachassistentin der Firma Amazon, ist dazu schon in der Lage. Zumindest in Großbritannien.

Die Kirche von England hat Alexa alle möglichen Gebete beigebracht. Mit Hilfe eines „Skills“. Ein „Skill“, das ist eine Art Mini-Programm. Ich kaufe es, lade es auf mein Gerät und erweitere so die Fertigkeiten meiner Sprachassistentin. Dank dieses Skills kann Alexa in England für mich ein Morgen- oder Abendgebet sprechen. Oder einen Segen vor dem Essen.

Sie kennt sich auch in anderen in Glaubensfragen aus. Sie weiß Bescheid, was zu tun ist, wenn man heiraten möchte. Oder wenn ein Kind getauft werden soll. Wenn ich wissen will, wann und wo der nächste Gottesdienst stattfindet, brauche ich Alexa nur zu fragen Sie gibt schnell und kompetent Auskunft. Das hat mich neugierig gemacht. Was verspricht sich die Kirche von England davon?

Adrian Harris ist zuständig für digitale Medien in der englischen Kirche. Er sagt: „Plattformen wie Alexa bieten für die Kirche die Chance, die Menschen mit Gott in Verbindung zu bringen und den Glauben in ihren Alltag einzuweben. Ob nun im Gebet, oder indem sie mehr über das Christentum erfahren.“
Eine nachvollziehbare Idee, finde ich. Immerhin soll ein Viertel aller britischen Haushalte eine digitale Sprachassistentin besitzen.

Ob das auch etwas für die Kirche hier in Deutschland wäre? „Warum nicht“, sagt Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. „Sprachassistenten sollen auch ein Gebet sprechen können, wenn man sie dazu auffordert.“  Die Vorbereitungen, Alexa in Deutschland das Beten beizubringen, laufen bereits. Allerdings schränkt Jung ein: „Es ist schon etwas anders, als mit Menschen zu beten.“

Viele finden das toll und innovativ. Es gibt aber auch eine Menge kritischer Stimmen. Sie fragen: Was ist mit dem Datenschutz? Und: „Wo bleibt das Beichtgeheimnis, wenn ich damit rechnen muss, dass Alexa nicht nur für mich betet, sondern auch mein Beten aufnimmt?“

Ich finde eine andere Frage mindestens genauso wichtig: Kann eine digitale Sprachassistentin, also eine Maschine, überhaupt mit mir oder für mich beten? Wie soll das gehen?

Kann eine Maschine für mich beten? Das ist eine interessante Frage. Ein Gebet ist schließlich etwas sehr Persönliches. Im Religionsunterricht in der Grundschule versuche ich es den Kindern so zu erklären. Beten, das ist mit Gott reden, wie mit einem Freund. Ich kann ihm meine Sorgen und Ängste anvertrauen. Ich kann ihn um Vergebung bitten oder mich bedanken. Gott kann ich sagen, was ich auf dem Herzen habe. Er ist für mich da.

Den Kindern fällt das Beten erstaunlich leicht. Sie brauchen keine weitere Hilfe von mir. Es gibt immer viel, was sie Gott sagen möchten. Ein Kind wünscht sich ein Haustier. Am liebsten einen Hund. Ein anderes fürchtet sich im Dunkeln. Ein drittes macht sich Sorgen um das Klima und die Umwelt.

Ich erinnere mich, wie ich als Kind gebetet habe. Vor allem am Abend. Angefangen habe ich mit den Worten „Müde bin ich geh zur Ruhe, schließe beide Augen zu.“ Und dann habe ich einfach weitergeredet. Was schön war am Tag. Worauf ich mich freue. Wovor ich Angst habe. Und ich habe all die Menschen aufgezählt, die mir am Herzen liegen. Auf die sollte Gott besonders aufpassen. Meine Eltern, meine kleine Schwester, meine Oma und mein Opa.

Aber schon als Kind wusste ich: Ein Gebet ist kein Zauberspruch. Wenn ich bete, geht es nicht darum, dass meine Bitten und Wünsche in Erfüllung gehen. Ein Gebet ist etwas anderes. Es ist ein Reden des Herzens mit Gott. Deswegen ist es mir auch so wichtig.

Auch  heute noch versuche ich, so mit Gott zu sprechen. Mit dem Herzen. Immer wieder über den Tag verteilt. Es hilft mir, in meinem Leben besser zu Recht zu kommen. Auch wenn es mir nicht meine  Alltagsaufgaben abnimmt. Gott beantwortet keine E-Mails für mich, führt keine Einkaufsliste und stellt auch nicht meine Waschmaschine an.

Aber: Er hat ein Ohr für meine großen und kleinen Sorgen und Hoffnungen. Bei ihm sind meine Gebete gut aufgehoben. Mit ihm zu sprechen, macht mich freier. Ich bekomme Abstand zu mir selbst. Ich ordne meine Gedanken und Gefühle. Ich kann loslassen, wo ich allein nicht weiterkomme. Was mich bedrückt.

Im besten Fall gewinne ich Klarheit darüber, was mir wirklich wichtig ist. Die Theologin und Dichterin Dorothee Sölle sagt: Das Beten lehrt uns, „unsere Wünsche an das Leben genauer zu formulieren.“ 

So gesehen, glaube ich nicht, dass Siri oder Alexa mir das Beten abnehmen  können. Mit Gott sprechen, das ist meine Aufgabe. Das kann ich meistens gut. Doch in meinem Alltag als Pfarrerin begegnen mir immer wieder Menschen, denen Beten nicht leicht fällt. Oder die gar nicht wissen, wie das geht: Die erkundigen sich manchmal: Was muss ich tun? Kann man beten lernen? Das ist eine Frage, bei der nicht nur ich, sondern auch  Alexa und Siri und wie sie alle heißen, helfen könnten.

Es gibt Menschen, die möchten gerne beten, wissen aber nicht wie. Niemand hat es ihnen vorgemacht oder vorgelebt. Es fehlen ihnen die Worte. Und die Vorbilder.

So war es zum Beispiel bei Dorothea. Eine jungen Frau, die gerne getauft werden wollte. Vorher aber wollte sie beten lernen. Sie wusste nur nicht, wie sie anfangen sollte. Einfach drauf los, das erschien ihr nicht richtig. Ich hatte den Eindruck, es war ihr unangenehm, ja fast peinlich, mich danach zu fragen. Dabei geht es vielen Menschen so wie ihr.

Und das nicht erst heute. In der Bibel wird erzählt, sogar die Freunde und Freundinnen von Jesus waren unsicher. Eines Tages fassten sie sich ein Herz und baten Jesus: „Herr, sag uns, wie wir beten sollen.“ Jesus brachte ihnen damals die Worte des „Vater unser“ bei. Seitdem ist es das Gebet der Christenheit.

Es wird weltweit gebetet. Man spricht es mit andern zusammen. Oder auch allein für sich. Ich finde, es ist schön, zu wissen, dass es schon so viele Menschen vor mir gesprochen haben. Und das es noch viele Menschen nach mir sprechen werden. Es verbindet mich mit ihnen und mit Gott.

Das „Vater unser“ hilft auch, wenn ich vor Angst kein Wort rauskriege. Diese Erfahrung habe ich letzten Sommer gemacht. Ich hatte einen Unfall.  Es war nicht lebensbedrohlich, aber es gab viel Blut und ich musste mit zig Stichen im Gesicht genäht werden. In meinem Schock konnte ich kaum einen klaren Gedanken fassen. Aber die Worte des „Vater unser“, die sind mir eingefallen.

Immer und immer wieder habe ich es innerlich gebetet. Ich habe mich daran festgehalten. „Vater unser im Himmel …“ das war wie ein Faden, der mich in einer schwierigen Situation mit Gott verbunden hat.

Das „Vater unser“ habe ich auch Dorothea ans Herz gelegt. Sozusagen als Anfang. Zum Auswendiglernen. Das kann sie allein für sich machen. Sie könnte aber auch „Alexa“ um Hilfe bitten. Damit die mit ihr übt. Auch dafür sind digitale Sprachassistentinnen da. Nicht um unser Gebet zu ersetzen. Aber um uns dabei zu helfen:

Vater Unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
Und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen

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