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Trauern und trösten
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Hintergründe

Trauern und trösten

Als der Sarg ins Grab hinabgelassen wird, rauft sich der Witwer die Haare, zerreißt seine Kleider und schreit seinen Schmerz hinaus. Würde jemand heute so trauern, hielte man ihn für verrückt. Im Alten Testament aber sind das normale Rituale, um einen Verlust zu bewältigen.

Die Menschen in der Bibel zeigen ihre Gefühle mit lautem Weinen und großen Gesten. Sie werfen sich zu Boden, ritzen sich die Haut und scheren sich eine Glatze. Sie streuen sich Dreck auf den Kopf und ziehen einen Sack an. Daher stammt der Ausdruck "in Sack und Asche gehen".

Trauer ist eine Überlebensfrage

Wir heute trauern anders. Aber nach wie vor ist Trauer eine Überlebensfrage. Es gibt Menschen, die einem Toten hinterhersterben – wortwörtlich oder dadurch, dass sie nur noch als Schatten ihrer selbst existieren. Darum ist es notwendig, sich irgendwann vom Verstorbenen innerlich zu trennen, den Toten tot sein zu lassen.

Trauerwege brauchen ihre Zeit. Trauerwege sind vielfältig. "Jeder Mensch stirbt anders. Jede und jeder trauert anders", sagt unser Autor Volker Jung in seiner hr2 Morgenfeier. Das macht es für Außenstehende oft schwer: Wie kann ich meine Anteilnahme ausdrücken? Was braucht der oder die Betroffene?

Volker Jung rät: "Wer Trauernde liebevoll begleiten will, lässt sie trauern, wie sie es wollen und brauchen." Oft hilft eine offene Frage. Zum Beispiel: "Was kann ich für dich tun?" Das ist besser als gut gemeinte Ratschläge.

Mut dazu, Beileid anzunehmen

"Von Beileidsbekundungen bitten wir Abstand zu nehmen", steht manchmal in Traueranzeigen. Unser Autor Till Wisseler kann das verstehen. Manche Trauernde brauchen Privatssphäre und Zeit für sich. Aber der Satz verunsichert ihn auch. Wie lange gilt er? Wenn man den Trauernden im Alltag wieder begegnet, soll man dann die Situation verschweigen? In seinem hr4 Übrigens macht Till Wisseler Mut, Beileid anzunehmen.

Den Toten Platz geben - und auch den Lebenden

Erinnern hilft, findet Pia Baumann in ihren hr1 Sonntagsgedanken. Sie formuliert das so: "Erinnern heißt: den Toten und den Lebenden einen Platz geben." Das tun Menschen ganz unterschiedlich. Die eine richtet zu Hause eine Erinnerungsecke für den geliebten Menschen ein. Für einen anderen ist es der Besuch am Grab, der tröstet. Er gibt ihm einen Ort für seine Trauer.

Auf Trauerwegen ist ein Wendepunkt erreicht, wenn man spürt: Die Trauer ist nach wie vor da, aber sie bestimmt nicht mehr über alles. Der Blick auf die Vergangenheit wandelt sich, die Zuversicht erwacht neu. Das ist wie eine Auferstehung von den Toten.

Trauerphasen

Aber vorher ist ein Weg zu gehen. In Seelsorge und Psychotherapie gibt es verschiedene Ansätze, solche Trauerwege zu beschreiben. Prägend wurde das Phasenmodell, das Elisabeth Kübler-Ross 1969 anhand von Interviews mit Sterbenden entwickelt hat. Auf das Nicht-wahr-haben-Wollen am Anfang folgen starke Gefühle wie Zorn und Verzweiflung, das Verhandeln mit dem Schicksal und schließlich die Phase, in der man den Tod akzeptiert.

Viele, die Sterben und Trauer kennen, finden in den Phasen von Kübler-Ross ihre Gefühle wieder. Das ist die Stärke des Modells. Aber es ist nicht als Ideal gemeint, so als würde nur richtig trauern, wer diese Phasen durchläuft.

Kerstin Lammer, Theologieprofessorin mit dem Schwerpunkt Seelsorge in Freiburg, spricht darum statt der Phasen von Aufgaben, die sich Trauernden auf ihrem Weg stellen. Lammer buchstabiert das Wort Trauer neu.

T - R - A - U - E - R

T wie den Tod begreifen, R wie Reaktionen Raum geben. Trauernde brauchen Raum, Zeit und Erlaubnis, ihre Trauer auszudrücken. Das A steht für Anerkennen des Verlustes, das U für Übergänge meistern. Trauernde müssen sich in zwei Richtungen bewegen: auf den Tod zu und dann wieder ins Leben hinein. Das E verbindet Lammer mit Erinnern und Erzählen und das zweite R mit "Risiken und Ressourcen einschätzen".

Meinen Sarg selbst bauen?

Trauer ist eine Lebenskrise. Sie birgt Gefahren und Chancen. Sie kann zerstörerisch verlaufen oder als Reifungs- und Wachstumsprozess. Und schließlich: Trauer konfrontiert mit der eigenen Sterblichkeit. Charlotte von Winterfeld erzählt in ihrem hr2 Zuspruch von einer ungewöhnlichen Art, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen: "Bau dein letztes Haus selbst!"

So heißt eine Idee aus Neuseeland, die sich in der ganzen Welt verbreitet hat. Auch in Deutschland gibt es diese Workshops, bei denen man sich seinen Sarg selbst zimmern kann. Charlotte von Winterfeld macht das bewusst: "Mein Leben ist endlich. Nicht alle meine Pläne und Wünsche werde ich verwirklichen. Vieles wird unvollendet sein, wenn ich gehe. Ich bin nur Gast auf Erden."

Hilfe für Trauernde und für die, die sie in ihrer Trauer begleiten, gibt es unter trauermitmir.de, eine Webseite der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Außerdem finden Sie die Trauerbroschüre "Du bist mir täglich nahe" hier zum Herunterladen. Sie wurde herausgegeben unter anderen von Kerstin Lammer im Auftrag der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirchen in Deutschland (VELKD).

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